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Die Löser – Ein silberner Hymnus auf die Welfenherrscher
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Löser sind Mehrfachtaler, die von den Welfenfürsten geprägt wurden. Sie konnten in Ausnahmefällen den Wert von 25 Talern haben und dann ein Gewicht von nahezu 724 g erreichen (vgl. Balan 1993, 117; Mehl 2015). Üblicher, aber auch recht selten waren Löser mit einem Durchmesser von 10 mm und einem Gewicht von 465 g (Duve 1966, 36 [Herzog Julius]; ebd. 66 [Friedrich Ulrich]). Häufiger wurden Fraktionen davon geprägt: 9, 5, 4, 3, 2½, 2, 1½, 1¼ Taler. Alle Löser hatten denselben Feingehalt wie die Reichstaler, waren demnach 14 Lot 4 Grän fein, das sind 889/1000 (Bahrfeldt 1912, 250).

Voraussetzung der welfischen Löseremissionen waren die reichen Silbervorkommen im Harz, auf die die Welfen Zugriff hatten. Insofern sind alle Löser in gewisser Weise Ausbeutetaler und bekundeten schon durch ihre bloße Existenz den Silberreichtum der Welfenfürsten. Legenden und Bilder der Löser weisen aber häufiger auf die erfolgreiche Bergbautätigkeit der Welfen und einzelne besonders ertragreiche Bergwerke im Harz hin. Ein Teil der Harzer Bergwerkszone war welfischer Gemeinbesitz (sog. Kommunionharz; für die Aufteilung der Bergbaugebiete im Harz vgl. die Karte in Ließmann 1992, 16).

Eingeführt hat die Löser Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg aus der Wolfenbütteler Linie (Regent von 1568-1589). Im Jahre 1574 begann er mit den ersten Prägungen von Lösern. Überraschend ist das nicht, da unter Herzog Julius die Bergbauaktivitäten, die sein Vater Heinrich der Jüngere bereits intensiviert hatte, einen ersten Höhepunkt erreichten (gut zusammengefasst von Köhler 1729, 396). Die letzten Löser wurden im Jahre 1688 von Ernst August I. von Calenberg (Hannover) geprägt. 

Auf den ersten Münzen dieser Gattung steht, dass es sich um BRVNSWIGS IVLIVS LOSER handelt (Welter 1971, 90 Nr. 547). Insofern kann über die Benennung dieser Prägungen kein Zweifel bestehen (Abb. 1).


Abb. 1: Juliuslöser von 1574 zu 10 Reichstalern, Exemplar der Auktion Fritz Rudolf Künker 346, Berlin 2021, Nr. 99. Diese Münze ist nicht Teil der zu versteigernden Sammlung.

In der numismatischen Forschung wurde immer wieder diskutiert, wie Herzog Julius auf den Namen Julius-Loser gekommen ist (Leschhorn 2010, 135). Einer der frühesten Belege für diese Tradition stammt von Barthold Neuhaus/Nihusius (1590–1657), der an der von Herzog Julius gegründeten Universität Helmstedt Philosophie und Medizin studierte, dann aber zum Katholizismus übertrat, Priester wurde, als Berater des Mainzer Erzbischofs fungierte und als Titularbischof des ehemaligen römischen Flottenstützpunktes Misenum starb. Er schrieb: «Zugleich muss ich daran denken, dass Friedrich Ulrichs Großvater Julius – als er eine riesige Goldmünze, die bei den Niedersachsen Portugalöser genannt wird, sah und glaubte, dass mit jenem ‹löser› eine Münze höheren Wertes bezeichnet werde – gesagt habe: „So denn (so verlief nämlich das Gespräch) müssen wir Ähnliches tun und silberne Juliuslöser schlagen lassen. Und so seien bald Münzen produziert worden, deren einzelne dem Wert mehrerer Taler entsprachen und die Aufschrift Juliuslöser trugen“ (Nihusius 1648, 224: dort lateinische Version). Herzog Julius, der in seinem Fürstentum die Reformation eingeführt hatte, war vielen Katholiken verhasst. Neuhaus ging es darum, Herzog Julius lächerlich zu machen, indem er ihm unterstellte, er habe das ,-losus‘ von Portugalosus (= Portugieser bzw. portugiesische [Münze]) als ,große Münze‘ verstanden. Mit anderen Worten: Herzog Julius habe nicht gewusst, dass es sich bei ‹Portugalosus› (Sein portugiesischer Name war Portugues ) um ein vom Landesnamen abgeleitetes besitzanzeigendes Adjektiv – ein sogenanntes Ktetikón – handelt. Gegen diesen Vorwurf nahmen ihn protestantische Autoren in Schutz, indem sie ebenfalls die Geschichte von der Begegnung des Herzogs mit dem Portugalöser erzählten, aber Herzog Julius von dieser ihm boshaft unterstellten Unkenntnis des Lateinischen freisprachen. Das ist etwa bei dem Fürstenkritiker Philipp Andreas Oldenburger (1620-1678; Constantinus Germ. [1669], 208: Als ihm einst eine portugiesische Münze gebracht wurde, sagte er: „Lasst uns auf diese Weise eine Münze herstellen, die nach unserem Namen Iuliuslöser genannt werden soll!“. Er hielt aber den Zusatz ‹Löser› für eine dankbare Referenz, weil es anderenfalls nicht einmal die Benennung gäbe) und dem Historiker und Numismatiker Ernst Wilhelm Tentzel (1659-1707) der Fall (Tentzel 1692, 796 und 799 f., wo er eine Parallele zum englischen Heinrich-Nobel zieht, der auch nach dem ihn prägenden Herrscher benannt wurde: „Und kan seyn / daß er seine Julius-Löser nach Art der Henricus Nobel benennet haben wollen / so zu seiner Zeit im Schwange giengen / und in verschiedenen damahls gedruckten Münz= und Rechen=Büchern allegiret werden“).

Richtig an diesen Nachrichten ist, dass Herzog Julius bei seiner Prägung von Lösern sich von den goldenen portugiesischen 10 Cruzado-Stücken, die als Portugues bezeichnet wurden, inspirieren ließ (Abb. 2). Für die Bezeichnung seiner neuen Münzen – die dem eines Portugues gleichkommen sollten, aber aus Silber bestanden – griff er auf die lateinische und die eingedeutschten Namensformen der Münzen – Portugalosus/Portugaloser – zurück. Aus deren Namen bildete er sprachlich inkorrekt, aber effektvoll ,Iulius Loser‘; richtig wäre Iulioser gewesen. Auf der ersten Löser-Emission von Herzog Julius ist LOSER, nicht Loeser zu lesen. Erst auf den Stücken der 1583 geprägten zweiten Emission heißt es LOESER. Wahrscheinlich wurde damit eine volkstümliche Sprachentwicklung, die die Münzen Juliuslöser nannte, aufgegriffen.

Abb. 2: Johann III. von Portugal, 1521-1557, Portugalöser (Portuguez) o. J., Lissabon. Exemplar der Auktion Fritz Rudolf Künker 221, Osnabrück 2012, Nr. 8025. Diese Münze ist nicht Teil der zu versteigernden Sammlung.

Die Beobachtung, dass es ursprünglich ,Loser‘ und nicht ,Löser‘ hatte heißen sollen, ist ein Beleg dafür, dass Herzog Julius diese Münzen nicht – wie häufig zu lesen – mit dem deutschen Verb ,lösen‘ in Verbindung gebracht hat. Neben den erwähnten Textzeugnissen und der Namensentstehung beweist die äußere Gestaltung der Iulius-Loser, dass die portugiesischen 10 Cruzado-Stücke (die Portugues genannt wurden) und die seit 1560 geprägten Hamburger Portugalöser (NACH PORTVGALIS SCHROT UND KORN) Vorbild für die Wolfenbütteler Löser waren (Abb. 3; das wurde schon richtig von Balan 1993, 121 gesehen. Er stellt heraus, dass auch die Hamburger Portugalöser ein Ausgangspunkt für die ikonographische Nachahmung waren). Wie deren Münzbilder weist der Juliuslöser zwei konzentrische Umschriften auf. Der direkte Rückgriff auf die Portugues ist aber auch daran zu erkennen, dass Herzog Julius auf seinen Lösern wie die portugiesischen Könige sein Wappen in diese beiden Legendenringe platzierte. Herzog Julius’ erste Löser hatten wie die portugiesischen 10 Cruzado-Stücke den zehnfachen Wert eines Talers. Allerdings hat Herzog Julius das Kreuz des Christusordens der Portugues-Münzen und der Hamburger Portugalöser (die Hamburger hatten sich dafür entschieden, das portugiesische Kreuz zu verwenden, ersetzten aber die Umschrift IN HOC SIGNO VINCES/In diesem Zeichen wirst du siegen durch IN XP(ist)O CRVCIFIXO PENDIT SALVS N(ost)RA/Am gekreuzigten Christus hängt unser Heil) durch sein Porträt ersetzt, um herauszustellen, dass seine Löser seinen Namen tragen sollten. Bei allen drei Prägungen – Portugues, Hamburger Portugalöser und Iuliuslöser – handelt es sich allein schon aufgrund ihres hohen Wertes um Schau- bzw. Geschenkmünzen und nicht um Kurantgeld.

Angesichts dieser Sachlage muss man eine schon bald nach der Prägung der ersten Löser aufgekommene Tradition – die in aller Ausführlichkeit von dem Braunschweiger Historiker Philipp Julius Rehtmeyer (1678-1742) in seiner Braunschweigisch-Lüneburgischen Chronica erzählt wird – für blanken Unsinn halten. Ihr zufolge soll Herzog Julius die Löser geprägt haben, damit seine Untertanen ein ihrer Vermögenslage entsprechendes Teilstück kauften. Die durch staatlichen Zwang erworbenen Löser hätten nicht veräußert werden dürfen und hätten jährlich vorgezeigt werden müssen. Auf diese Weise hätte im Fürstentum Wolfenbüttel eine Silberrücklage gebildet werden sollen. Wenn Herzog Julius in Notlagen Silber benötigte, hätten diese Münzen von ihren Besitzern eingelöst werden müssen, d.h. an den Landesherren abgeliefert werden (Rehtmeyer 1722, 1011f.). Allein schon die Überlegung, wie in Notlagen das über das ganze Land verstreute Silber wieder zur herzoglichen Kasse zurückfließen sollen, erweist dieses Konstrukt als eines so praktisch denkenden Herzogs, wie es Julius war, ganz und gar unwürdig. Bernd Kluge ist uneingeschränkt Recht zu geben, wenn er, der Argumentation von Ernst-Henri Balan folgend, zu dem Schluss kommt: „Das von Rethmeyer beschriebene Konstrukt mutet allerdings viel zu phantastisch an, als dass es jemals praktisch funktioniert haben könnte“ (Kluge 2015, 19).

Gegen die Annahme, dass die Löser, insbesondere die des Herzog Julius, eine monetäre Funktion gehabt hätten, sprechen vor allem die geringen Emissionen von Lösern, die sie schon zu Lebzeiten des Herzogs und bald darauf noch mehr zu äußerst raren Sammlermünzen machten (Löser waren schon zu Zeiten von Herzog Julius rare Sammlermünzen, wie aus einem Brief seiner Tochter an ihn hervorgeht, vgl. Tewes 1891, 42 f. Vgl. auch Tentzel 1692, 795: „die Julius-Löser werden jetziger Zeit unter die raresten Medaillen gerechnet / und von denen Liebhabern die gantzen für 40. biß 50. thlr. bezahlet“). Wenn Löser die von Rehtmeyer erzählte Funktion gehabt hätten, wären zur Schaffung eines größeren Finanzpolsters viele Stücke von ihnen geprägt worden und es müssten deshalb mehr von ihnen heute erhalten sein.

Gegen die von Rehtmeyer geschilderte Verwendung der Löser spricht außerdem, dass Franz Algermann, ein Zeitgenosse und Landfiscal Herzog Julius’, in seiner 1598 niedergeschriebenen und 1608 noch einmal überarbeiteten Biografie des Herzog Julius die Löser mit keinem Wort erwähnt (Diese Biographie wurde 1823 von dem bedeutenden Juristen und Übersetzer zahlreicher lateinischer Autoren Friedrich Karl von Strombeck zum ersten Mal ediert). Der Biograf würde eine solch ungewöhnliche und größere Aufmerksamkeit auf sich ziehende Aktion mit Sicherheit in seiner Lebensbeschreibung erwähnt haben. Löser wurden eben nicht für eine besondere, die Finanzen des Herzogtums sichernde Maßnahme emittiert, sondern waren Geschenkmünzen, wie sie in Fürstenkreisen üblich waren. Sie waren deshalb Algermann nicht der Erwähnung wert.

Die Herstellung von so großen und prestigeträchtigen Münzen, zu der Walzwerke eingesetzt werden mussten (Bahrfeld 1912, 251), passt nicht zu der von Rehtmeyer genannten, eher banalen finanzpolitischen Zielsetzung. Anstatt von großen Münzen, die in der Herstellung schwierig und teuer waren, hätte man für einen solchen Zweck einfache Taler in verschiedener Stückzahl verwenden können.

Gegen irgendeine Funktion der Löser als größeres Wertgeld spricht vor allem, dass die Währungshüter des Niedersächsischen Reichskreises, die Kreiswardeine, bei den Probations-tagen sich überhaupt nicht mit ihnen beschäftigten und die welfischen Mehrfachtaler deshalb in deren Akten keine Erwähnung finden (Fürstenwerth 1976, 63).

Auch die Beobachtung, dass vor allem im ersten Jahr ihrer Ausgabe die eingepunzten Sollgewichte häufiger nicht stimmten (Bahrfeld 1912, 251: „Das sind absichtliche oder unabsichtliche Münzversehen, vielleicht spätere Abschläge, wohl auch Spielereien“; Leschhorn 2010, 136), mag damit zu tun haben, dass sie nicht für den Umlauf, sondern zu Geschenk-zwecken geprägt wurden: Eine Zahlungs- bzw. Wertfunktion bestand zumindest nicht primär. Einige blieben sogar ohne Wertpunze. Als Rehtmeyersche Sparmünzen hätten sie sehr genau abgewogen sein müssen.

Wie das benachbarte stolze Hamburg seinen durch Handel erworbenen Reichtum mit goldenen Portugalösern sichtbar machte, so wollte das welfische Fürstentum Wolfenbüttel seinen Reichtum mittels Löserprägungen herausstellen. Insofern entsprach die Zielsetzung der Julius-Löser den Absichten der portugiesischen Könige, die Portugues-Münzen prägen ließen: „The gold piece thus signified grandeur and power on an unprecedented scale and was created to represent an enterprise and a people“ (Trigueiros 1991, 1732). Der Kunsthistoriker und sensible Chronist Wolfenbüttels, Friedrich Thöne (1907-1975), stellt den besonderen Charakter des Schöpfers der welfischen Löser heraus: „Sein groteskes Geltungsbedürfnis, das die Ruhmsucht vieler Renaissancemenschen übertraf, kam dadurch zum Ausdruck, daß er sein Zeichen HJ (ligiert) unzähligemal an Bauten oder Bauteilen, auf Schriftstücken, auf Entwürfen – sogar auf Kanonenkugeln – anbrachte“ (Thöne 1963, 47). So trat der Juliuslöser mit dem Portugalöser in Wettbewerb und wog das afrikanisch-portugiesische Gold der Hamburger mit Harzer Silber auf.

Hinter den Löserprägungen stand nicht nur der Wille, die eigene Leistung und Persönlichkeit zu propagieren, es sollte auch mittels der Zurschaustellung von Reichtum deutlich gemacht werden, dass man bei den ständigen religiösen Auseinandersetzungen der Zeit sich für den rechten Glauben entschieden hatte und deshalb in der Gnade Gottes stehend wirtschaftlich erfolgreich war. Die Bedeutung der göttlichen Vorsehung für das Leben des Herzogs, der die Reformation im Fürstentum Wolfenbüttel eingeführt hatte, kommt in den Legenden der Julius-Löser deutlich zum Ausdruck: O HER · BEHVT · MIR ·NICHT · MER · DAN · SEEL · LEIB · VNDT · EHR· und GOTTES · VERSEHEN · MVS · GESCHEHEN (Abb. 1). Die Möglichkeit, solche Münzen prägen zu können, wurde geradezu als Erweis dafür gesehen, dass der Segen Gottes auf dem Herzog ruhte.

Julius’ welfische Nachfolger setzten die Prägungen von Lösern fort. Auch wenn der Begriff ,Löser‘ nicht mehr auf Münzen aufschien, so bürgerte er sich dennoch für die welfischen Mehrfachtaler ein. Den auf Herzog Julius folgenden Prägungen wird nicht mehr unterstellt, dass mit ihrer Emission finanzpolitische Ziele verfolgt worden wären. Es ist unbestritten, dass die Löser ,Schaumünzen‘ sind, die z.B. Huldigungen, Geburtstage, politische Erfolge und größere Bergbau-Erträge feiern, aber auch an den Tod und pompöse Begräbnisse der Fürsten erinnerten, bei denen sie verteilt wurden. Die Vielzahl von Löserteilstücken zeigt, dass hierarchische Aspekte wie auch unterschiedlich große Verdienste bei der Vergabe eine Rolle gespielt haben. Durch das Schenken verschieden großer Teilstücke von Lösern ließ sich die soziale Hierarchie untermauern und bestärken. Die hohen Nominale waren überwiegend für Standesgenossen bestimmt. Es konnten zugleich auch Leistungen unterschiedlich nach Einsatz und Verdienst differenziert belohnt werden.

Die Löser waren ein Selbstbewusstsein ausstrahlender, mannigfaltige Identitäten akzentuierender silberner Hymnus der welfischen Herzöge auf ihre eigenen Leistungen und die Bedeutung ihrer Fürstentümer. Der Silberreichtum des Harzes ermöglichte es den Fürsten, ihren Reichtum zur Schau zu stellen, sich mit Silberglanz und klingender Münze zu verbinden und sich damit ihren Standesgenossen wie ihren Untertanen als mächtige und erfolgreiche Regenten darzustellen. Mit reichen Geschenken konnten sie ihre Freigiebigkeit betonen und sich einen aktuellen wie nach ihrem Tode auch einen memorialen Platz in Gegenwart und Zukunft verschaffen. So sind die Löser ein sich durch mehr als zwei Jahrhunderte hinziehender metallener Hymnus auf die Herrscherhäuser der Welfen. Ihre Prägung war auch ein verbindendes Element dieser zersplitterten Dynastie. Löser waren vieles: Schaumünzen, d.h. Münzen, die etwas zur Schau stellen sollten, ordensähnliche Belohnungen wie auch Memorialmedaillen von größerem oder auch bedeutendem Metallwert, nicht selten Kunstwerke von hohem Rang. Heute sind Löser vor allem außergewöhnliche Schmuckstücke einer jeden Münzsammlung. Historisch verschaffen sie einen imposanten Zugang zu vielen Aspekten der Geschichte Europas und beleuchten die Rolle, die eines der ältesten Adelshäuser Europas in ihr gespielt hat.


Die Münzherren

Es waren die Herrscher des Welfenhauses, die Löser prägten. Die Welfen sind eines der ältesten und bedeutendsten Adelshäuser Europas. Sie waren mit den Karolingern und dem oberitalienischen Fürstenhaus der d’Este verwandt. Linien des Welfenhauses bestehen bis heute fort. Im Mittelalter herrschten Welfenfürsten zeitweise über Burgund, Sachsen und Bayern. Sie waren so bedeutend, dass sie mit den staufischen Kaisern konkurrierten. 1714 gewann ihre Calenberger Linie (Kurfürstentum Hannover) sogar den Thron von Großbritannien und begleitete dessen Aufstieg zu einem Weltreich. 1837 endete die Personalunion von Hannover und Großbritannien, da nach salischem (salfränkischem) Recht Königin Viktoria als Frau im Königreich Hannover nicht erbberechtigt war.

Familienoberhaupt der Welfen ist heute Ernst August (V.) Prinz von Hannover Herzog zu Braunschweig und Lüneburg (geb. 1954).

In Norddeutschland traten die Welfen von 1235 bis 1918 als Herzöge von Braunschweig und Lüneburg in Erscheinung. Ihre Macht beruhte besonders auf ihrem Besitz von großen Teilen des Harzgebirges mit seinen reichen Erzvorkommen wie auch auf der Salzgewinnung. Lange Zeit wurde das Welfenterritorium durch Erbteilungen in unabhängige Fürstentümer aufgespalten; durch Kinderlosigkeit eines Regenten konnten sie auch wieder vereinigt wurden. So gab es die Fürstentümer Wolfenbüttel, Lüneburg, Göttingen, Grubenhagen und Calenberg. 1692 entstand aus den Fürstentümern Calenberg, Göttingen und Grubenhagen das Kurfürstentum Hannover; später wurde noch Lüneburg integriert. Nach der kurzzeitigen Eingliederung des Welfenbesitzes in das Königreich Westphalen, das von 1807 bis 1813 von Napoleons Bruder Jerôme beherrscht wurde, gingen aus dem Wiener Kongress 1814 das Herzogtum Braunschweig und das Königreich Hannover hervor. Letzteres wurde 1866 von Preußen annektiert; das Herzogtum Braunschweig bestand bis 1918 fort.

Die Legenden der Löser

Zwischen Latein und Deutsch

Die Legenden der Löser spiegeln eine Übergangszeit: Neben dem tradierten Gebrauch der lateinischen Sprache kommt es immer wieder dazu, dass Deutsch für die Titulatur und auch das Motto eines Herrschers verwendet wird.

Das Aufkommen des Deutschen hat verschiedene Hintergründe. Zum einen hatte sich durch die Übersetzung der Bibel ins Frühneuhochdeutsche durch Martin Luther (von 1522 bis 1545) die deutsche Sprache massiv gegenüber dem Lateinischen in allen sozialen Schichten und kulturellen Einrichtungen emanzipiert. Deutsch gewann erneut den Charakter, den die Bezeichnung Deutsch (thiutisc/volkssprachlich, von althochdeutsch thiot/Volk abgeleitet) bereits bei seiner Prägung zum Ausdruck brachte: Es war die Volkssprache der deutschen Bevölkerung und begann auch in den gebildeten Schichten, immer mehr das Lateinische zu ersetzen. In den protestantischen Territorien verdrängte es das Lateinische auch deshalb, weil Latein als die Sprache der katholischen Kirche galt. Herzog Julius verwandte Deutsch auf seinen ersten Lösern für die Anrufungen Gottes und für die Beschreibung seiner neuen und ungewöhnlichen Münze. Lediglich das Motto seiner Regentschaft formulierte er auf Lateinisch.

Herzog Julius’ Sohn und Enkel – Heinrich Julius und Friedrich Ulrich – gaben auf ihren Lösern in alter Bildungstradition ihre Titel und Mottos auf Latein wieder.

Mit Nachdruck setzte sich Herzog August der Jüngere für den Gebrauch der deutschen Sprache ein und verwendete sie auch auf seinen Lösern. Auf vielen dieser Münzen erscheint sein Motto auf Deutsch: ALLES MIT BEDACHT. Der berühmte Barockliterat Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658) widmete Herzog August ein Büchlein, in dem er die Errichtung eines Denkmals für ihn vorschlägt. Der Herzog soll eine Statue erhalten, die ihn auf dem Musenpferd Pegasos reitend zeigt. In der lateinischen Inschrift auf dem Sockel wird der Herzog als ,strenger Schützer der heimatlichen Sprache‘ bezeichnet (Harsdörffer 1646, zwischen 4 und 5: Duci | Brunswicensi & Lune|burgensi, | Augusto, | pio, forti, felici, | verae virtutis & | quietis | assertori insigni, | linguae patriae vin|dici | strenuo). Neben der kurzen und prägnanten deutschen Fassung des herzoglichen Wahlspruches wurde er aber auch in einem lateinischen Hexameter (der ein Chronostichon ist; s.u.) wiedergegeben. In gewisser Weise merkwürdig ist die Wiedergabe Herzog Augusts Wahlspruch in einem Gemisch von Latein und Italienisch: EXPENDE PRIMA PENSA, POI [<S>I] FA/Wäg die ersten Gedanken ab, dann soll man handeln. Offenbar haben die Erinnerungen an den zweijährigen Italienaufenthalt des Herzogs während seiner Grand Tour in dem zweiten Teil des Mottos ihren Niederschlag gefunden. Herzog August verwendet das lateinische TANDEM/Am Ende doch noch! als Löserlegende, als der Kaiser seine Herrschaftsübernahme über Braunschweig-Wolfenbüttel bestätigte.

Die Verbreitung der deutschen Sprache war eine der Zielsetzungen der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, die 1617 von Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen in Weimar gegründet wurde und in die Herzog August 1632 vom Gründer persönlich aufgenommen wurde: „Zum Andern, Soll auch den Gesellschaftern vor allen Dingen obliegen / unsere hochgeehrte Muttersprache / in ihrem gründlichen Wesen und rechten Verstande / ohn Einmischung fremder ausländischer Flikkwörter / so wol im Reden / Schreiben / Berichten / aufs allerzier= und deutlichste zu erhalten und auszuüben“ (Neumark 1668, 26). Zeit seines Lebens hat August der Jüngere sich für die Verbreitung der deutschen Sprache eingesetzt und Justus Georg Schottel/Schottelius (1612-1676) an seinen Hof geholt. Er war der Erzieher (Präzeptor) seiner Kinder. Als Verfasser der ersten grundlegenden Grammatik der deutschen Sprache forderte er eine Fixierung und poetische Aufwertung der deutschen Sprache.

Die Welfenherzöge nach August dem Jüngeren verwendeten auf den Lösern wieder stärker das Lateinische – nicht zuletzt deswegen, weil der zunehmend stärker vordringende Absolutismus nicht sonderlich an einer kulturellen Hinwendung zum Volk interessiert war.

Die Titulatur der Herzöge

Die Legitimation herzoglicher Macht ist, wie die Legenden auf lateinisch und auf Deutsch unmissverständlich zum Ausdruck bringen, die göttliche Einsetzung. Sie ist mit ,Dei Gratia‘ bzw. ,V(on) G(ottes) G(naden)‘ formuliert. Dieses Gottesgnadentum wurde schon seit dem hohen Mittelalter in den Städten mit ihren bürgerlichen Verfassungen und im Frieden zu Osnabrück und Münster mit der definitiven Anerkennung der Niederländischen Generalstaaten in Frage gestellt. Die Aufklärung und die Französische Revolution markieren zwar eine massive Zurückdrängung des herrscherlichen Gottesgnadentums, doch blieb es bis in unsere Zeit in einigen Monarchien, z.B. England, bewahrt.

Alle Welfenherzöge, ganz gleich aus welcher Linie sie kommen, führen den Titel eines ,Dux Brunsvicensis et Luneburgensis/Herzog zu Brunswyk/Braunsveig und Luneburg‘. Die Linie, der sie entstammten und die einen Hinweis auf das tatsächliche beherrschte Territorium gibt, führen sie in den Münzlegenden nicht an. Daneben wird häufiger die Administration von Stiften bzw. Hoch- und Erzstiften genannt, etwa die Position eines POSTVL(atus) EPISCOP(us) HALBE(rstadtensis) – d.h. eines vom Domkapitel gewählten, aber nicht vom Papst bestätigten Bischofs – bei Heinrich Julius, eines Coadiutors des Domstiftes Ratzeburg und eines Dompropstes des Erzstiftes Bremen bei Friedrich IV. und eines Bischofs von Osnabrück bei Ernst August I.

Durch die Eindeutschung der Titulaturen kamen ungewohnt und inkonsequent abgekürzte Legenden zustande, so etwa auf den Lösern Friedrichs IV. von Celle: V(on) G(ottes) G(naden) FRIDERICH HERTZOG ZU BRAUNS(ueig) U(nd) LUNE(burg) COAD(iutor) D(es) ST(iftes) RA(zeburg), D(om)P(ropst des) E(rz)ST(iftes) BREM(en).

Auf den Lösern der Brüder Christian Ludwig, Johann Friedrich und Ernst August wird der Name des Regenten nur noch durch ein Monogramm wiedergegeben, das von einem Herzogshut überkrönt, von einem Lorbeerkranz umkränzt und von den Wappen der beherrschten Territorien umgeben ist. In Umschrift sind der Wahlspruch des Herzogs und die Datierung des Lösers zu lesen. Lüneburgs Namen erscheint auf den Lösern mal als Luneburg, mal als Lunaburg. Letzteres bringt den Stadtnamen volksetymologisch mit der lateinischen Mondgöttin Luna in Verbindung. Der römische Feldherr Julius Caesar soll die Stadt bei seinem Zug bis an die Elbe errichtet und der Mondgöttin geweiht haben; bei den Humanisten wird Lüneburg deshalb auch Selenopolis (gr. Σελήνη/Selänä) genannt. Herzog August, der aus einem Zweig der Lüneburger Fürsten stammte, verfasste Schriften unter dem Pseudonym Gustavus Selenus (Raabe 1979, 157).


Abb. 4: Lunabrunnen im Museum Lüneburg; Hajotthu, eigenes Werk 2015, https://en.wikipedia.org/wiki/GNU_Free_Documentation_License, ohne Änderungen

Karl der Große oder der Missionsbischof Egistius sollen das Bild der heidnischen Göttin Luna zerstört haben (Volger 1872, 1 f. Vgl. Reinecke 1933, 3 f.). Wenn auch spät erfunden, so bringt diese Legende die Stadt mit berühmten Persönlichkeiten in Verbindung und verleiht ihr ein hohes Alter. Auf dem Marktplatz von Lüneburg wurde deswegen 1532 der Lunabrunnen mit einer Statue der Luna (bzw. der Artemis, die auch als Mondgöttin galt) errichtet (Abb. 4); im Oberwappen (Prachtstück) des Stadtwappens von Lüneburg kommt ein Halbmond vor. In Wirklichkeit geht der Stadtname Lüneburgs auf althochdeutsch Hliuni = Zufluchtsort zurück.

Die Wahlsprüche der Herzöge

Auf den Lösern werden in der Regel die persönlichen Mottos (Wahlsprüche/Sinnsprüche) der welfischen Herzöge wiedergegeben. In einigen Fällen sind sie mit einem Emblem (Sinnbild) verbunden. Solche Devisen sind wichtig, da sie die politischen Zielsetzungen und die persönliche moralische Einstellung zu ihrem herrscherlichen Amt zum Ausdruck bringen sollen. Die Wahlsprüche sind im Gegensatz zu Wappendevisen und Titel selbst gewählt und kommen mit dem Tod des Herrschers außer Gebrauch. In der Regel werden sie während längerer Regentschaften nicht gewechselt (vgl. Schenk zu Schweinsberg 1954). Die Bedeutung herrscherlicher Devisen wurde durch ihre Verwendung am Hof zu Versailles unter Ludwig XIV. massiv gesteigert (Wrede 2005, 291-293).

Herzog Heinrich Julius’ Motto lautete HONESTVM PRO PATRIA/Ehrenvolles für das Vaterland (tun).

Friedrich Ulrich verwendete das bis heute häufig gebrauchte DEO ET PATRIÆ/Für Gott und Vaterland (eine Variante von Pro Deo et Patria).

Herzog August formulierte als Förderer der deutschen Sprache sein Motto auf Deutsch: ALLES MIT BEDACHT, verwendete es aber auch in einer Mischung aus Latein und Italienisch: EXPENDE PRIMA PENSA, POI [<S>I] FA/ Erwäge die ersten Aufgaben, dann handle/dann soll man handeln (Die Stempelschneider hatten offenbar Schwierigkeiten mit der italienischen Legende: Es gibt zwei Version POI FA und POI <S>I FA, was, wie Leschhorn 2010, 221 richtig herausstellt, als ‚Then do it! ‚ zu verstehen ist. Die Deutungsversuche von Duve 1966, 93 gehen in die Irre; Müseler 1983, I Nr. 10.3 konnte die Formen poi fa nicht richtig identifizieren und hat sie falsch verstanden). Das Italienische ist eine Reminiszenz an den fast zweijährigen Italienaufenthalt während seiner Grand Tour (vgl. von Katte 1979, 64 f. mit einem Verzeichnis der einzelnen Stationen; die Reise über den Brenner fand am 29. Oktober 1598 statt, am 31.8.1600 erfolgte die Rückreise über diesen Pass). Auf seinem Begräbnis-Löser erscheint Augusts Motto in einem lateinischen Hexameter, der als Chronogramm ausgestaltet ist: OMNIA NON NISI PROVIDO ET VEGETO CONSILIO/Alles nur mit vorausschauendem und rührigem Plan (Losnr. 1551).

Sein pietistischer Sohn Rudolph August hat sich für das Motto REMIGIO ALTISSIMI/Wenn der Höchste das Ruder hält entschieden. Auf die Bedeutung dieses Mottos ging der Oberhofprediger Johannes Niekamp in seiner Predigt auf den Tod des Herzogs im Jahre 1704 ein: „Remigio Altissimi. Das ist: Das Schiff wird wol regirt, Wenn Gott das Ruder führt“ (Niekamp 1704, 29). Dieses herzogliche Motto wurde auf dem Löser, der an die Eroberung Braunschweigs erinnert, auch bildlich umgesetzt. Ganz oben ist eine Galeere mit gerefftem Segel zu sehen, die auf ruhigem Meer dahinfährt. Über ihr strahlt die Sonne Gottes, dessen Name in hebräischen Lettern in die Sonne hineingeschrieben ist. Hinter diesem Motto steht das bereits in der griechischen Antike, aber auch von Cicero verwendete Bild vom Staatsschiff, das der Lenkung eines klugen Staatsmannes oder göttlicher Mächte bedarf (Vgl. Gerlach 1937; Van Nes 1963, 71-92). Inhaltlich entspricht das Motto der Sentenz DEO DUCE, die z.B. auf brandenburgisch-preußischen Guineadukaten zu dem Bild eines Schiffes verwendet wird (Neumann 1997, 403).

Friedrich IV. von Celle, der während seiner gesamten Regentschaft die Leiden seines Herzogtums während des Dreißigjährigen Krieges erleben musste und kurz nach dem Westfälischen Frieden verstarb, führte das für seine Politik passende Motto: FRIED ERNEHRD – UNFRIED VERZEHRD. Auch dieses Motto ist auf einem Löser bildlich umgesetzt. Unter einer strahlenden Sonne ist ein blühendes Land mit reicher Ernte, mit reichlich Vieh und glücklichen Bergleuten zu sehen, während auf der anderen Seite unter Regenwolken ein ausgebranntes Haus und gefällte Bäume dargestellt sind. Dieses Motto hatte vor ihm schon Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg (1564-1633) geführt. Herzog Ernst von Sachsen-Gotha-(Altenburg) (1640/1672-1675), ein Zeitgenosse Friedrichs IV., brachte das Motto über dem Eingang von Schloss Friedenstein in Gotha an.

Christian Ludwig verwendete als Motto SINCERE ET CONSTANTER/Aufrichtig und standhaft. In der Form ,constanter et sincere‘ hatte schon der Pfalzgraf Johann Kasimir (1586-1573) es ausgewählt. Auch ein Zeitgenosse Christian Ludwigs, der Trierer Kurfürst und Erzbischof Karl Kaspar von der Leyen (1652-1676), präsentierte sich mit diesem Wahlspruch. Es war auch das Motto des preußischen Roten Adlerordens, der als ,Ordre de Sincérité‘ 1705 von Markgraf Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth gegründet worden war. Der Begriff der ,sinceritas‘ kann zahlreiche Aspekte haben: Moralisch bezeichnet er ,Aufrichtigkeit‘ und ästhetisch ,Authentizität‘.

Christian Ludwigs Bruder Johann Friedrich machte EX DURIS GLORIA/Aus harten Situationen/Schwierigkeiten (erwächst) Ruhm zu seinem Wahlspruch. Inhaltlich entspricht dieses Motto weitgehend dem berühmten ,per aspera ad astra‘, das sich bis auf den lateinischen Philosophen Seneca zurückführen lässt.

Ernst August unterscheidet sich von den meisten anderen Welfen dadurch, dass er auf seinen Lösern mehrere Sinnsprüche verwendete. Auf seinen Regierungsantritt in Hannover im Jahre 1680 ließ er Löser prägen, die eine Meereslandschaft zeigen. Auf ruhiger See fährt ein Schiff dahin, über ihm strahlt die Sonne, während rechts und links von ihm Wolken zu sehen sind. Aus der linken Wolke tritt Wind aus, der die Segel des Schiffes bläht, aus ihr streckt aber Gott seine Hand aus, um das Osnabrücker Rad (das Wappen der Stadt) an einem Seil auf Kurs zu halten. Die Situation von Ernst August, der von 1662 bis zu seinem Tod im Jahre 1698 Bischof von Osnabrück war, ist bildlich dargestellt. Er fühlte sich von Gott geführt und auf Kurs gehalten. Der Wahlspruch lautet VARIIS IN MOTIBVS EADEM und ist alles andere als eindeutig. Bei unterschiedlichen Einflüssen bleibt es (das Schiff) immer dasselbe bzw. bei unterschiedlichen Einflüssen dasselbe (tun) sind mögliche Übersetzungen. Links vor dem Schiff erscheint ein Riff; darüber ist eine Sturmwolke gezeigt. Am Strand steht eine Palme. Die Palme gewann als bildliche Umsetzung des Mottos der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ große Bedeutung, lautete dieses doch ,Alles zu Nutzen‘ (vgl. Neumark 1668, passim). Dieser Wahlspruch meinte, dass fast alles von diesem Baum für den Menschen verwendbar und damit nützlich war; das sollte auch das Ziel der Gesellschaft sein. Insofern soll der Palmbaum vermutlich darauf hindeuten, dass die Maximen der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ neben der Hilfe Gottes sein Leben geprägt haben. Mit seiner Standeserhöhung zum Fürsten von Calenberg im Jahre 1680 wählte Ernst August das Motto SOLA BONA QVÆ HONESTA/Gut ist nur das, was ehrenhaft ist. Dieses Motto führte auch Carl Ludwig zu Hohenlohe-Weikersheim (1674-1756), dem der Ausbau des berühmten Schlosses mit seinem prachtvollen Garten zu verdanken ist.

Chronogramme

Chronogramme (von griechisch ,chronos‘/Zeit und ,gramma‘/Buchstabe abgeleitet) sind Sentenzen, deren Buchstaben, die als lateinische Ziffern verstanden, zusammengezählt ein bestimmtes Datum ergeben. Chronogramme haben vier Aufgaben: Zunächst liefern sie eine zeitliche Angabe. Sie haben – so auch auf den Lösern – die Funktion einer Inschrift, indem sie die Zeit mit einem Objekt in Verbindung bringen und zu dessen Verständnis beitragen.

Überdies haben sie eine Rätsel- und Spielfunktion, denn sie müssen entziffert und verstanden werden. Häufiger machen sie einen literarischen Anspruch geltend, indem sie in Versen auftreten (Schupp 2003, 127).

Drei Chronogramme finden sich auf der Rückseite der Totenlöser für August den Jüngeren (Losnr. 1551). In der äußeren Umschrift OMNIA NON NISI PROVIDO ET VEGETO CONSILIO ist der Wahlspruch des Herzogs ALLES MIT BEDACHT/Alles tu nur mit Vorausschau und munterem Plane in einen lateinischen Hexameter gefasst: Wenn man alle Buchstaben, die römischen Zahlzeichen entsprechen (MIIIVIDVCILI) wertmäßig ordnet (MDCLVVIIIIII = 1666), nennen sie das Todesjahr des Herzogs. Chronogramme, die in einem Hexameter oder anderen Versen auftreten, bezeichnet man als Chronostichon (von griechisch ,stichos‘/Vers).

Die innere Umschrift und ein Text im Felde des Lösers geben drei Sentenzen wieder: * QVAE LAETA FRONDE VIREBAM */ Als dieser [Baum] grünte ich einst mit fröhlichem Laube lautet die obere Umschrift. Die untere innere Umschrift greift auf die wohlbekannte Sentenz: SIC TRANSIT GLORIA MUNDI/So vergeht der Ruhm der Welt! zurück. Diese bis heute immer wieder verwendete Sentenz stammt aus dem Krönungszeremoniell der Päpste. Bei der Krönungsprozession wurde dreimal vor dem Papst Flachs verbrannt und dabei ausgerufen: „Sancte pater, sic transit gloria mundi“ (Vgl. Schimmelpfenning 1990, 187 f., der Überlegungen zur Entstehung des Zeremoniells anstellt). Über und unter dem entlaubten Baum, an dessen Stamm ein Schädel platziert ist, steht NUNC – RIGUI/Nun bin ich erstarrt!

Die Legenden der Rückseite bergen zwei Chronogramme in sich. Dafür muss man den Text der oberen Hälfte für das erste Chronogramm und den der unteren Hälfte für das zweite Chronogramm zusammennehmen.

QUAE LAETA FRONDE VIREBAM, NVNC: VLDVIMVC = MDCLVVVI = 1666.
RIGUI, SIC TRANSIT GLORIA MVNDI: IIICILIMVDI = MDCLIIIIII = 1666
(Aufgelistet in Schupp 2003, 162).

Die Wappen

Mit Wappen weisen die Herzöge auf ihren Territorialbesitz hin. Dadurch entstehen sorgsam komponierte Wappen, die aber durch Gewinne oder Verluste von Herrschaftsgebiet verändert werden müssen. Beispielhaft sei auf den Wappenschild Herzog Augusts des Jüngeren auf einem sehr schönen Löser der Sammlung Regina Adams aus dem Jahre 1655 ausführlicher eingegangen (Losnr. 1546).

Der Wappenschild hat die Form eines Barockschildes, der nicht von Schildhaltern, sondern von Rankenwerk eingefasst ist.

In der 1. Reihe erscheint im 1. Feld der blaue Löwe des Fürstentums Lüneburg auf einem goldenen, mit roten Herzen belegtem Grund. Im 2. Feld erscheinen zwei goldene Leoparden/Löwen auf rotem Grund als Wappen des Fürstentums Braunschweig. Die beiden Leoparden sollen durch Mathilda, die zweite Gattin Heinrichs des Löwen und Tochter Heinrichs II. von England, nach Braunschweig gekommen sein. Bis heute führen die englischen Könige drei Leoparden in ihrem Wappen. Im 3. Feld vertritt der silberne Löwe auf blauem Grund die Grafschaft Everstein bei Holzminden.

In der 2. Reihe erscheint im 1. Feld der goldene Löwe auf rotem Grund der Herrschaft Homburg (um Stadtoldendorf), umgeben von einer blau-silbernen Borde. Im 2. Feld gibt der rote Löwe auf goldenem Grund den oberen Teil des Wappens der Grafschaft Diepholz wieder; im 3. Feld erscheint der goldene Löwe auf rotem Grund als oberer Teil des Wappens von Lauterberg im Harz.

In der 3. Reihe ist das 1. Feld geteilt: oben die zwei schwarzen Bärentatzen auf goldenem Grund der Grafschaft Hoya, darunter die rot-silber-roten Querstreifen von Neu-Bruchhausen und die 4 blauen Windmühlenflügel auf silbernem Grund von Alt-Bruchhausen. Der im 2. Feld zu sehende silberne Adler auf blauem Grund bildet den unteren Teil des Wappens der Grafschaft Diepholz. Das 3. Feld ist wieder geteilt: Die Grafschaft Hohnstein ist durch ein silbern-rot geschachtes Feld repräsentiert, während die darunter stehenden rot-goldenen Streifen zum Wappen von Lauterberg gehören.

In der 4. Reihe repräsentiert der schwarze Hirsch auf silbernem Grund des 1. Feldes die Grafschaft Klettenberg. Das 2. Feld vereint die schwarze Hirschstange der Grafschaft Blankenburg mit der roten Hirschstange von Regenstein, beide auf silbernem Grund.

Das Oberwappen besteht aus 5 Helmen. Der mittlere Helm ist von einer Herzogskrone bedeckt. Darüber erhebt sich eine Helmzier, die aus einer niedrigen Säule besteht, aus der eine Stange aufragt, die oben mit Pfauenfedern besteckt ist. Vor der Stange ist das weiße Welfenross im Galopp platziert. Umgeben ist diese Szenerie von zwei mit der Schneide nach innen ausgerichteten Sicheln; hinter dem Außenrand der Sicheln ragen die Spitzen von Pfauenfedern hervor.

Von den beiden links des Mittelhelms platzierten Helmen trägt der äußere die rote und silberne Hirschstange der Grafschaft Hohnstein; die dazwischen gesetzten grünen Pfauenfedern repräsentieren Lauterburg. Der auf ihn folgende Helm trägt über einer Grafenkrone die zwei Bärentatzen der Grafschaft Hoya.

Rechts vom Mittelhelm sind die zwei silber-blau-geteilten Büffelhörner von Alt-Bruchhausen zu sehen; Neu-Bruchhausen ist durch 12 rot-silberne Fähnchen repräsentiert. Über dem ganz außen rechts platzierten Helm erscheint eine rote Hirschstange für Regenstein, eine schwarze Hirschstange für Blankenburg und ein paar zwischen das Geweih gestellte Büffelhörner in rot und silbern für Diepholz.

Ganz unterschiedliche Schildhalter sind auf den Lösern der Sammlung zu sehen. Zwei Wilde Männer erscheinen auf einem Löser Friedrich Ulrichs. Auf einer anderen Prägung desselben Herzogs halten zwei Braunschweiger Leoparden/Löwen sein Wappen (vgl. dazu die sehr nützliche Zusammenstellung von Peter 1 und Peter 2, 2011).

Abb. 5: Bronzene Reiterstatue Marc Aurels auf dem Kapitol in Rom; Berthold Werner, Reiterstandbild Marc Aurels, Kapitol, Rom, eigenes Werk 2007, gemeinfrei

Reiterdarstellungen der Herzöge

Zahlreiche Löser der früheren Welfenfürsten zeigen den Herzog als Reiter. Das trifft für Heinrich Julius, Friedrich Ulrich, August den Jüngeren und Rudolph August zu.

Die Darstellung des Herrschers als Reiters gewann in der Renaissance eine immer größere Bedeutung. Bereits in der Frührenaissance hatten sich zahlreiche Fürsten und Heerführer (Condottieri) als Reiter darstellen lassen (vgl. Beuing 2010). Oftmals hielten sie einen Kommandostab/Bastone in ihrer Hand, der auf ihre militärische Kommandogewalt hinwies (zum Bastone ausführlich Erben 1996, 300 f.). Eine herausragende Rolle spielte die Reiterstatue Marc Aurels, die 1538 auf dem von Michelangelo neugestalteten Kapitolsplatz aufgestellt wurde (Abb. 5; Grammacini 1985). Die Statue Marc Aurels – die nur überlebt hatte, weil sie bis in die Renaissance hinein als Reiterbild Kaiser Konstantins gedeutet worden war – diente fortan als Vorbild für viele herrscherliche Reiterdenkmäler. Ein Reiterstandbild konnte einen Herrscher mehr als jede andere Darstellungsweise erhöhen und monumentalisieren. Es wurde zum Inbegriff herrscherlicher Macht. Nur die katholischen Kirchenfürsten verzichteten darauf, sich auf diese Weise darstellen zu lassen.

In zahlreichen Schriften der Renaissance wurde das Verhältnis von Reiter und Pferd auf das Verhältnis von Herrscher und Beherrschten übertragen. Dabei wurde das Volk direkt mit dem Pferd gleichgesetzt (Prochno-Schinkel 2023, 11, die den italienischen Gelehrten und Dichter Francesco Sansovino (1512-1586) zitiert: „Il cavallo significa il popolo“). Wie das Pferd dem Reiter gehorchen sollte, so sollten die Untertanen dem Fürsten gehorchen. „Die Fähigkeit, ein Pferd zu beherrschen, wurde mit der Fähigkeit gleichgesetzt, ein Volk zu regieren“ (Prochno-Schinkel 2023, 10). Andererseits sollte der Fürst mit den Beherrschten pflegsam und fürsorglich umgehen wie ein guter Reiter mit seinem Pferd. Auch solche Gedanken wurden in Renaissance-Traktaten im Zusammenhang mit Reiterbildern immer wieder erörtert: Dem Gehorsamsanspruch des Herrschers stand der Anspruch des Volkes gegenüber, dass der Herrscher herrscherliche Tugenden besaß, wie sie etwa in den Mottos der Fürsten zum Ausdruck gebracht wurden.

Nach der französischen Revolution, in der Herrscher zu Pferd faktisch und auch ideell gestürzt worden waren, kamen in größerem Umfang Reiterbilder auf, die den Herrscher zu Fuß neben ihrem Pferd zeigten. Eines davon ist das auf dem Marktplatz von Wolfenbüttel stehende Denkmal für Herzog August den Jüngeren, das die besondere Fürsorge des Herrschers für sein Pferd herausstellt (Abb. 6): „Die neue Form des Reiterbildes war genial einfach: Der demokratische Anführer stieg vom hohen Ross und führte das Pferd am Zügel. So war die Bodenständigkeit, die Gleichheit mit dem Volk, hergestellt“ (vgl. Prochno-Schinkel 2023, 16).

Bei den Welfenfürsten hatte das Pferd jedoch noch eine weitere Bedeutung. Das steigende weiße Welfen- oder Sachsenross war seit dem späteren Mittelalter ein identitätsstiftendes Tier der Welfen. Traditionen über die besondere Bedeutung (weißer) Pferde sind in dieser Region, wenn auch nicht zusammenhängend, von der Antike bis in die Gegenwart verfolgbar. In der Antike hat Tacitus herausgestellt, wie die Nordgermanen weiße Pferde in ihren Heiligtümern verehrten und aus ihrem Verhalten Orakel gewannen (Germania 10). Noch heute verwenden das Land Niedersachsen, aber auch Nordrhein-Westfalen ein weißes Pferd als Wappentier. Porträtbilder der Herzöge mit Allonge-Perücke

Auch wenn die protestantischen Welfen nur selten engere Beziehungen zum katholischen Frankreich unterhielten, so strahlte dennoch die Kultur des französischen Hofes Ludwigs XIV. (1643-1715) auch nach Niedersachsen aus. Das wird deutlich in den Allongeperücken, die Welfenherzöge wie Rudolph August und Ernst August auf den Lösern tragen. Die Allongeperücke, die wie ihr Name sagt ,lang‘ über Schultern und Brust herabfiel, war 1673 von Ludwig XIV. zur Staatsperücke erklärt worden, fand aber schnell überall in Europa begeisterte adlige Träger. Das hatte auch mit der damals grassierenden Syphilis zu tun, die nicht zuletzt bei zahlreichen Grand Tour-Prinzen zu Haarausfall geführt hatte (Luckhardt – Marth 2006). Die Perücke diente aber nicht nur dem Kaschieren der Folgen dieser Krankheit. Sie war ein wichtiges Requisit für die Herrscher Europas bei ihrer Selbstdarstellung auf der politischen Bühne. Marcus Junkelmann hat dies trefflich beschrieben: „Die löwenhafte Haarmähne ließ den Träger größer und mächtiger erscheinen, disziplinierte und steigerte das unvollkommene Werk der Natur. Sie war Teil eines Kostüms, einer Maske, in der die Angehörigen der höfischen Gesellschaft in absoluterer Scheidung vom gewöhnlichen Rest der Menschheit ihre durch Etikette und Ehrenkodex aufs Höchste stilisierte Rolle auf der Bühne der großen Welt spielten“ (Junkelmann 2001, 233). Mit dem Tod Ludwigs XIV. im Jahre 1715 geriet diese Modeerscheinung schnell in Vergessenheit.

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