Teaserbild
Trennline

Karl der Große, 768-814. Denar, 813/814 oder etwas später, Aachen; 1.55 g. Depeyrot 1167; M./G. 315 (dort mit falscher Umschrift angegeben); Coupland 24 (dieses Exemplar); Kluge, Die Bildnispfennige Karls des Großen 17 (dieses Exemplar); Lafaurie 18, Pl. III, 31 (dieses Exemplar).

EUROPEAN COINS AND MEDALS
FRANKREICH/KAROLINGER

Back to the list
place on watchlist

Lot number 4687






Estimated price: 20,000.00 €
Hammer-price / sale price: 30,000.00 €


Karl der Große, 768-814.
Denar, 813/814 oder etwas später, Aachen; 1.55 g. KAROLVS IMP AVC Büste r. mit Lorbeerkranz und umgelegtem Mantel, darunter C//XPICTIANA RELIGIO Kirchengebäude.
Depeyrot 1167; M./G. 315 (dort mit falscher Umschrift angegeben); Coupland 24 (dieses Exemplar); Kluge, Die Bildnispfennige Karls des Großen 17 (dieses Exemplar); Lafaurie 18, Pl. III, 31 (dieses Exemplar).

Von allergrößter Seltenheit. Eines von zwei bekannten Exemplaren, das einzige in Privatbesitz. Fast sehr schön

Die Porträtdenare Karls des Großen mit dem Kaisertitel IMP(erator) AVG(ustus) anstelle des ansonsten üblichen REX FR(ancorum) gehören zu den großen Seltenheiten der Mittelalternumismatik.
Die einfache Annahme, Münzen mit Kaisertitel stellen das Geld des Frankenreiches nach der Kaiserkrönung Karls des Großen am 25. Dezember 800 dar, ist nicht plausibel, da sie für den angenommenen Prägezeitraum 800-814 viel zu selten vorkommen. Bernd Kluge ging 2002 noch von 35 Exemplaren mit Kaiserbüste aus (darunter das vorliegende Exemplar); Simon Coupland konnte die Liste 2014 auf 45 Exemplare erweitern (darunter das vorliegende Exemplar).
In der Forschung werden daher verschiedene Theorien diskutiert: Die erste geht davon aus, daß es sich um besondere Festprägungen anläßlich der Kaiserkrönung 800 handelt, wohingegen die wahrscheinlich seit 793/794 ausgeprägten "denarii novi" mit Karolusmonogramm unverändert weitergeprägt wurden. Dieser Ansatz würde das außergewöhnliche Motiv der Kaiserbüste und die hohe Wertschätzung bei den Zeitgenossen erklären. Die zweite Theorie nimmt eine Prägung erst nach der Anerkennung der Krönung Karls des Großen durch den byzantinischen Kaiser im Jahre 812 an, was zumindest die Seltenheit der Stücke erklären könnte. Eine weitere Theorie, die von Bernd Kluge und Simon Coupland favorisiert wird (und die auch wir für überzeugend halten), geht von einem Beginn der Prägung der Bildnisdenare anläßlich der Krönung Ludwigs des Frommen zum Mitkaiser am 11. September 813 in Aachen aus.
Anhand des Bildmotivs der Rückseite lassen sich vier Gruppen unterscheiden: Die (wie hier vorliegend) Exemplare mit einem Kirchengebäude (XPICTIANA RELIGIO), die Darstellung eines Stadttores (Arles, Rouen und Trier), die Darstellung eines Schiffes (Dorestad und Quentovic) und die Abbildung von Prägewerkzeugen (METALL GERMAN - von lat. "germanum" = echt, wahr, rein / wahrscheinlich Münzstätte Melle). Bei den Exemplaren des XPICTIANA-RELIGIO-Typs lassen sich außerdem 3 Vorderseitenlegenden unterscheiden: 1. D(ominus) N(oster) KARLVS IMP(erator) AVG(ustus) R(ex) F(rancorum) ET L(angobardorum), 2. KARLVS IMP AVG und 3. das an dieser Stelle vorliegende KAROLVS IMP AVG. Einige Exemplare präsentieren unter der Kaiserbüste Buchstaben, die früher als Münzstättensignaturen gedeutet worden sind: C (wie auf dem vorliegenden Stück, Köln), F (Frankfurt), M (Mainz) und V (Worms). Diese Überlegungen wurden von Simon Coupland überzeugend zurückgewiesen, der die Münzstätte der XPICTIANA-RELIGIO-Bildnisdenare in Aachen lokalisiert. Diese Zuweisung wird in der Forschung weitestgehend akzeptiert. Es ist insofern unklar, welche Bedeutung der Buchstabe C unter der Büste auf dem vorliegenden Stück hat. Sicher ist allerdings die Seltenheit: Simon Coupland, Bernd Kluge und Jean Lafaurie kennen neben dem vorliegenden Exemplar nur noch das Exemplar der Staatlichen Museen zu Berlin (Objektnummer 18202749 im IKMK).

Wir freuen uns, Ihnen eine der großen Seltenheiten der karolingischen Münzgeschichte und der Münzprägung des Mittelalters überhaupt in dieser Auktion präsentieren zu dürfen.

Literatur:

Û Coupland, S.: Charlemagne's coinage: ideology and economy, in: Story, J. [Hrsg.]: Charlemagne - Empire and Society, Manchester 2005, S. 211-229.
Û Coupland, S.: The Portrait Coinage of Charlemagne, in: Allen, M. R. u.a. [Hrsg.], Early Medieval Monetary History - Studies in Memory of Mark Blackburn, Aldershot 2014, S. 145-156.
Û Coupland, S.: Charlemagne and his Coinage, in: Große, R./Sot, M. [Hrsg.], Charlemagne : les temps, les espaces, les hommes. Construction et déconstruction d’un règne, Turnhout 2018, S. 427-451.
Û Grierson, P.: Money and Coinage under Charlemagne, in: Braunfels, W. [Hrsg.]: Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben. I. Persönlichkeit und Geschichte, Düsseldorf 1965, S. 501-536.
Û Grierson, P. / Blackburn, M.: Medieval european Coinage. I. The Early Middle Ages (5th-10th centuries), Cambridge 1986, S. 209-210.
Û Kluge, B.: Die Bildnispfennige Karls des Große, in: Kiersowski, R. u. a. [Hrsg.], MONETA MEDIÆVALIS. Studia numismatyczne i historyczne ofiarowane Profesorowi Stanislawowi Suchodolskiemu w. 65. rocznice urodzin, Warschau 2002, S. 367-377.
Û Kluge, B.: Numismatik des Mittelalters. Handbuch und Thesaurus Nummorum Medii Aevi, Berlin / Wien 2007, S. 87-88.
Û Lafaurie, J.: Les monnaies impériales de Charlemagne, in: Comptes-rendus de l'académie des inscriptions et belles-lettres 1978, S. 154-176.