Am 3. Juni des Jahres 1817 gebar Marie Amalie von Neapel-Sizilien ihrem Gemahl Louis Philippe, Herzog von Orléans, das mittlerweile sechste von insgesamt zehn Kindern: eine Tochter, die auf den stolzen Namen Marie Clémentine Léopoldine Caroline Clotilde getauft wurde. Louis Philippe war damals alles andere als ein Anwärter auf den Thron. Er diente im französischen Heer als General und war ein loyaler Unterstützer der zurückgekehrten Bourbonen Louis XVIII. und Charles X.
Allerdings blieb da ein wenig Unbehagen, denn der Vater von Louis Philippe hatte als begeisterter Aufklärer unter dem Namen Philippe Égalité die Französische Revolution unterstützt. Zwar war auch er während des Terrorregimes auf der Guillotine gestorben, hatte seinen Sohn jedoch gemäß der Ideale eines neuen, aufgeklärten und wirtschaftlich starken Bürgertums erzogen. Vielleicht verstand Louis Philippe deshalb die Zeichen der Zeit so gut zu lesen. Er bereiste England, die USA und diskutierte mit (für damalige Zeiten) fortschrittlichen Politikern wie George Washington oder Alexander Hamilton. Er hatte aber auch beste Verbindungen zu den bedeutenden Bankhäusern der Rothschild oder Laffitte.
Denn Louis Philippe wusste mit Geld umzugehen, auch mit seinem eigenen. Er bediente sich modernster Anlagemethoden, um den gewaltigen Familienbesitz zu vermehren. Louis Philippe gehörte schon vor seiner Thronbesteigung zu den reichsten Bürgern von Frankreich. Bereits im Jahr 1821 wurde sein Vermögen auf rund 8 Mio. Francs geschätzt. Es sollte noch wesentlich mehr werden.
Eine moderne Erziehung für die Kinder
Louis Philippe teilte auch die Erziehungsideale des französischen Bürgertums. Ein liebevolles Familienleben mit viel Kontakt zwischen Eltern und Kindern war für ihn selbstverständlich. Clémentine – oder Titine, wie sie ihre Geschwister liebevoll nannten – erlebte eine fast normale Jugend: Man speiste und feierte en famille; man fuhr gemeinsam aufs Land, wo Titine zusammen mit ihren Geschwistern im Park tobte und im Teich schwamm.
Selbstverständlich erhielt die große Kinderschar auch eine hervorragende Bildung. Für die Mädchen bedeutete das ein Heer von Gouvernanten und Hauslehrern, die sie im Sticken und Tanzen, in Etikette und Konversation unterrichteten. Nicht zu vergessen, das unvermeidliche Musikinstrument, das jedes Mädchen beherrschen musste (in Clémentines Fall die Harfe). Dazu kamen diverse Sprachen und der Religionsunterricht, den die Mama persönlich erteilte. Auch der Papa betätigte sich als Pädagoge. Immerhin hatte er Erfahrung: Er hatte während des Exils Französischunterricht erteilt, um das Geld zum Überleben zu verdienen. Louis Philippe hielt den Geschichts- und Geographieunterricht seiner Kinder anhand von Memorabilien aus dem Familienbesitz. Abschluss der Ausbildung war für Clémentine die damals eher für junge Männer übliche Grand Tour. So reiste sie in die Schweizer Berge und sah die Wunder Italiens.
Ob Clémentine schon zu diesem Zeitpunkt begann, sich für Münzen zu interessieren? Das können wir nicht nachvollziehen. Immerhin wissen wir, dass nicht nur Clémentine sich mit Numismatik beschäftigte. Mehrere bedeutende Sammler gehören zu ihrem engsten familiären Umkreis. Am bekanntesten ist heute Henri, Herzog von Aumale, der eine so umfangreiche Sammlung von Bildern und Kunstobjekten zusammentrug, dass seine Münzsammlung in Vergessenheit geriet. Aber auch Clémentines ältester Sohn Philipp gehört zu den ambitionierten Numismatikern. Er publizierte zur orientalischen Numismatik, und seine Sammlung wurde 1928 durch die Firma Leo Hamburger in Frankfurt versteigert.
Es ist eine Binsenweisheit, dass es im 19. Jahrhundert für einen gebildeten Mann zum guten Ton gehörte, wenigstens ein paar Münzen zu sammeln. Für Frauen war das eher ungewöhnlich. Das mag nicht nur am mangelnden Interesse gelegen haben. Häufiger fehlte es ihnen schlichtweg an den Mitteln, um Münzen kaufen zu können. Das war bei Clémentine anders. Sie besaß eines der größten Vermögen Europas.
Alter Adel und junges Kapital
Eine der reichsten Frauen Europas
Sie wählte den etwas jüngeren Herzog August von Sachsen-Coburg-Koháry zum Ehemann. Er gehörte väterlicherseits zum bestvernetzten Adelshaus, mütterlicherseits hatte er immensen Reichtum zu erwarten. Das hatte Potential, wenn vielleicht nicht für Clémentine selbst, so doch für ihre Nachkommen.
Ob es noch ein anderer Aspekt war, der Clémentine diese Ehe attraktiv erscheinen ließ? Wir können es nur erahnen, wenn ihre Mutter kurz nach der Hochzeit in einem Brief schreibt: „Il – gemeint ist der Bräutigam – dit toujours Amen à tout ce qu’elle veut.“ (= Er sagt zu allem Amen, was sie will.).
August ließ Clémentine freie Hand, den familiären Besitz zu verwalten und zu vermehren. Ihre Mitgift hatte eine Million Francs betragen. Dazu kamen ihre Aussteuer und Hochzeitsgeschenke, insgesamt ein Wert von 300.000 Francs. Ihr Ehemann bekam 100.000 Francs Apanage pro Jahr, sie selbst 50.000 Francs. Das war viel Geld, aber bei weitem kein großes Vermögen. Aber dank kluger Investitionen machte Clémentine eines daraus.
Wir müssen uns das praktisch vorstellen: Dank ihrer Verwandtschaft mit vielen führenden Familien Europas konnte sich Clémentine die besten Insiderinformationen besorgen. Sie dürfte ihr überlegenes Wissen gnadenlos auf dem Aktienmarkt eingesetzt haben und riesige Summen eingestrichen haben.
1861 starb die Mutter von Clémentines Ehemann August. Er erbte den Löwenanteil ihres Besitzes. Dazu gehörten Güter, Wälder, Bergwerke und Fabriken auf mehr als 150.000 Hektar in Niederösterreich, Ungarn und der heutigen Slowakei. Und das katapultierte Clémentine finanziell noch einmal in eine ganz andere Liga.
Der Aufstieg der Familie Sachsen-Coburg-Koháry
Münzsammeln: Eine sinnvolle Beschäftigung für den Ruhestand
Clémentine kam am 3. Juni 1817 zur Welt. Sie starb am 16. Februar 1907 in Wien und wurde damit beeindruckende 89 Jahre alt. Wie viele Menschen, die ein erfülltes Leben geführt haben, suchte sie sich auch im Alter interessante Beschäftigungen, um sich zu zerstreuen. Eine davon war das Münzsammeln.