Es war die dunkelste Stunde der römischen Geschichte, als irgendwann im Sommer des Jahres 260 n. Chr. der sasanidische Herrscher den römischen Kaiser Valerian während einer Schlacht bei Edessa (Şanlıurfa / Türkei) gefangen nahm.
Es war das erste und einzige Mal, dass ein römischer Kaiser in Feindeshand geriet. Dieses Desaster hatte nicht nur Auswirkungen auf den eigentlichen Feldzug. Es erschütterte das ganze Reich! Die römischen Götter hatten die sakrosankte Gestalt des Herrschers im Stich gelassen. Wer sollte nun die Bürgern vor den Barbaren retten, nachdem die Grenzverteidigung ins Wanken geraten war? Die Last der Verantwortung lag auf den Schultern von Valerians Sohn. Dabei hatte Gallienus eigentlich genug damit zu tun, den westlichen Reichsteil zu schützen. Gerade erst hatten seine Truppen die Iuthungen bei Augusta Vindelicorum (Augsburg) besiegt, nachdem sie zuvor Monate lang ungestraft in Oberitalien geplündert und gemordet hatten. Nun galt es, die Alamannen zu schlagen, die ebenfalls den Limes überwunden hatten, um Oberitalien zu verheeren. Aventicum (Avenches) lag in Schutt und Asche, ehe es Gallienus gelang, sie kurz vor Mailand aufzuhalten. Und jenseits des Limes lauerten die Franken und die Germanen auf ein Zeichen der Schwäche, um sich auf römischem Gebiet zu bereichern.
Gallienus konnte es sich also eigentlich gar nicht leisten, in den Osten zu gehen. Doch genauso wenig konnte er es sich leisten, dies nicht zu tun. Die Sasaniden waren auf dem Vormarsch. Sie eroberten das reiche Antiochia (Antakya / Türkei) und verheerten Kappadokien und Kilikien. Dazu kamen all die Aufstände von lokalen Machthabern, die versuchten, zu retten, was noch zu retten war. Wollte Gallienus das Vertrauen seiner Untertanen nicht vollständig verlieren, musste er in den Osten ziehen, um seinen Vater zu rächen und das verlorene Gebiet zurückzugewinnen.
Lokale Interessen vs. Gesamtreich
Um zu verstehen, was im Jahr 260 geschah, muss man sich vergegenwärtigen, wie die Verteidigung im römischen Reich aufgebaut war. In allen Grenzregionen waren Legionen stationiert. Ihre Mitglieder lebten zum Teil schon seit Generationen an ein und demselben Ort. Ihre Väter, Mütter, Frauen und Kinder befanden sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Überschritt ein Barbarenstamm die Grenze, warfen sich ihm die Legionäre unter Führung der lokalen Offiziere entgegen, um das Leben ihrer Lieben zu schützen.
Daneben gab es natürlich noch das Gesamtreich, in dem der Kaiser festlegte, welche militärischen Aktionen Priorität hatten. Plante er einen Feldzug, forderte er von den verschiedenen Legionen Truppendetachments an. Eine vexillatio bestand aus 500 bis 1.000 Mann. In Friedenszeiten kein Problem, bei einer theoretischen Truppenstärke von 5.500 Mann. Aber nach etlichen erfolglosen Feldzügen, für die immer neue vexillationes gestellt werden mussten, bei einer Bedrohung der eigenen Grenze sah das schon ganz anders aus.
Stellen Sie sich ruhig vor, Sie wären ein Soldat an der Rheingrenze. Am anderen Rheinufer lauern Germanen, Alamannen, Franken, Iuthungen, und da kommt ein Schreiben vom Kaiser, der schon wieder eine vexillatio fordert! Würden Sie gehen und ihre Lieben daheim unverteidigt lassen? Nein, natürlich nicht. Sie würden sich mit ihren Kameraden abstimmen und gemeinsam einen vielversprechenden Offizier zum Kaiser ausrufen. Damit würden sie einem lokalen Befehlshaber die Mittel in die Hand geben, den kaiserlichen Befehl zu ignorieren und die Verteidigung der nahen Grenze in die eigenen Hände zu nehmen.
Jede Usurpation war ein Sieg lokaler Interessen über die des Gesamtreichs. Wir kennen dieses Phänomen aus anderen Zeiten und Kulturen. Ist ein Reich zu groß geworden, zerbricht es unter Druck in seine Einzelteile. In Rom aber glaubte man fest an das Imperium. Alle Gebiete in einer Hand zu vereinigen, war keine Option, sondern eine Gewissheit. Damit stand jeder Usurpator irgendwann vor der Frage, ob er mächtig genug war, alle Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen, oder ob er für seine Usurpation mit dem Leben zahlen musste.
Saloninus vs. Postumus
Um genau so eine Usurpation an der stark befestigten Rheingrenze zu verhindern, hatte Gallien seinen Sohn Saloninus in diese Provinz geschickt. Der zu diesem Zeitpunkt etwa 18-jährige hatte mit Silvanus einen erfahrenen Berater an seiner Seite. Und dann gab es da diesen schneidigen Offizier namens Marcus Cassianus Latinius Postumus, der gerade eben eine Gruppe von Germanen besiegt hatte. Er hatte dabei erhebliche Beute gemacht. Was man damit tun solle, darüber geriet Postumus mit Silvanus in Streit. Silvanus forderte als Vertreter der Zentralregierung die Beute für sich, hätte sie vielleicht tatsächlich an Gallienus weitergeleitet, um so seinen Beitrag zur Finanzierung des Sasanidenfeldzugs zu leisten. Postumus und seine Soldaten wollten ihre Beute lieber für lokale Bedürfnisse nutzen.
Und so passierte an der Rheingrenze das, was schon an vielen Orten passiert war: Die Soldaten sagten sich von der Zentralregierung los. Sie riefen Postumus zum Kaiser aus. Der belagerte Saloninus und Silvanus in Köln. Die Kölner Garnison unterstützte ihn und lieferte die Saloninus und Silvanus aus, die hingerichtet wurden. Postumus war nun Kaiser in Köln und zuständig für die lokale Verteidigung.
Ein Alptraum für jeden Historiker
Und damit geht für uns Historiker das Rätselraten los. Die schriftlichen Quellen sind nämlich, was das Gallische Sonderreich betrifft, äußerst dürftig bzw. so unzuverlässig, dass sie eher verwirren als helfen. Die Münzen spielen bei der Rekonstruktion der Ereignisse eine entscheidende Rolle, aber über ihre Deutung kann man wunderbar streiten.
Warum zum Beispiel bildete Postumus auf seinen Münzen so gerne den Hercules von Deuso ab? War der eine Kölner Lokalgottheit (Deutz)? Oder bezog der Gott seinen Namen von dem Ort, an dem Postumus seinen ersten Sieg erfochten hatte (Deuso)? Oder weist Hercules mit seiner Verwandtschaft zum germanischen Donnergottes Donar / Thor auf eine germanisch-batavische Abkunft des Postumus hin (Diessen)? Alles ist möglich, nichts bewiesen. Sie können es sich aussuchen und ihre eigene Theorie aufstellen.
Elmers epochales Werk
Die Münzen des Gallischen Sonderreichs sind vor allem in Deutschland ein begehrtes und geschätztes Sammelgebiet. Welche anderen Münzen verbinden derart perfekt Lokalgeschichte mit der Geschichte des römischen Reichs? Dazu sind die Münzen seit Jahrzehnten hervorragend erschlossen.
1941 publizierte Georg Elmer nämlich seinen Katalog über die Münzprägung der Gallischen Kaiser. Während man andernorts Münzen noch nach Metallen getrennt katalogisierte, verwirklichte der Musterschüler von Karl Pink mit seinem Katalog erstmals für jeden nachvollziehbar die Ideen der Wiener Schule. Er rekonstruierte den antiken Prägeplan und ordnete die Emissionen chronologisch. Das war damals revolutionär - und ist heute in der römischen Numismatik üblich.
Elmers Werk wurde wegen seiner Brillanz für Generationen zur kaum hinterfragten Autorität, nach der die Münzen des Gallischen Sonderreichs bestimmt wurden. Der junge Wissenschaftler kam selbst nicht mehr dazu, seine Thesen zu überprüfen. Er fiel 1944 bei Merošina, nahe Niš im heutigen Serbien.
Köln oder Trier?
Das machte eine Hypothese Elmers zur Selbstverständlichkeit: Auf Grund einiger weniger Münzen, deren Aufschrift sich zu Colonia Claudia Ara Agrippinensium (= Köln) auflösen ließ, schloss Elmer nämlich, dass fast alle Münzen des Gallischen Sonderreichs in Köln geprägt wurden. Zwei kleine Gruppen sonderte er aus stilistischen Gründen aus und verlegte ihre Prägeorte nach Trier und Mailand.
Elmers Hypothese, die Carl Friedrich Zschucke übrigens vehement verteidigte, ist in jüngster Zeit von zahlreichen Wissenschaftlern angezweifelt worden. Ihr schlagkräftigstes Argument ist der Fund eines Münzensembles nahe der Porta Nigra in Trier von 2005. Es handelt sich eindeutig nicht um einen Hortfund. Die Zusammensetzung weist vielmehr darauf hin, dass wir Reste einer Münzwerkstatt vor uns haben, die unter Tetricus aktiv war. Kombiniert man diesen Fund mit der Hortevidenz und stilistischen Überlegungen - ich erspare Ihnen die genaue Beweisführung - spricht viel dafür, dass die meisten Münzen, von denen Elmer angenommen hatte, sie seien in Köln entstanden, tatsächlich in Trier geprägt wurden.
Was aber macht man mit den Stücken, die tatsächlich als Produkte der Kölner Münzstätte gekennzeichnet sind? An der Deutung ihrer Inschrift zweifelt niemand. Allerdings geht man heute eher davon aus, dass Postumus irgendwann im Jahr 268 eine zweite Münzstätte in Köln eröffnete. Die Antoniniane mit der auffälligen Münzstättenmarke und der Darstellung der Moneta erinnern an ihre Eröffnung.
Jerome Mairat, der 2023 den jüngsten Band des RIC zum Gallischen Sonderreich publiziert hat, gibt selbst zu, dass noch nicht alle Fragen zweifelsfrei gelöst sind. Warten wir also ab, in wie weit zukünftige Funde dieses Bild modifizieren.
Der Verteidiger der Rheingrenze
Werfen wir noch einen kurzen Blick darauf, was uns die Münzen über Postumus verraten. Wir finden auf ihnen überraschend viele Schiffe. Dies gibt uns einen Hinweis darauf, welche Bedeutung die Flotte unter Postumus erhielt. Mit Hilfe dieser Schiffe wurden schnelle Truppentransporte abgewickelt. Sie brachten Soldaten in die Gebiete, aus denen Grenzzwischenfälle gemeldet wurde, und zwar schneller als es zu Fuß oder hoch zu Pferd möglich gewesen wäre. Die leichten naves lusoriae waren nämlich so einfach zu manövrieren, dass die Soldaten sie selbst bedienen konnten. Es brauchte also keine zusätzlichen Ruderer, die wertvollen Platz okkupierten.
Auch die Flüsse spielen eine besondere Rolle auf den Münzen des Postumus. Salus Provinciarum, Wohl der Provinzen, lautet die Aufschrift dieses Antoninians. Ob es sich bei dem Flussgott um Mosella für die Mosel oder um Rhenus für den Rhein handelt, ist dabei eher nebensächlich. Wichtig ist der Schiffsbug, der illustriert, warum die Flüsse für Postumus so eine entscheidende Bedeutung hatten: Sie hielten die Rheingrenze wirtschaftlich und militärisch zusammen.
Im Windschatten der Weltpolitik
Gallienus gelang es nicht, sofort etwas gegen Postumus zu unternehmen. Seine Kräfte waren im Osten gebunden. Das gab Postumus die notwendige Zeit, seine Herrschaft zu etablieren. Auf dem Höhepunkt seiner Macht anerkannten ihn die Legionen Germaniens, Galliens, Raetiens, Hispanias und Britannias. Vor allem die letzten beiden waren wichtig. Dort befanden sich große Gold- und Silberbergwerke, deren Ausbeute es Postumus erlaubte, genügend Münzen zu prägen, um seine Truppen zu entlohnen. Der Stern des Gallischen Sonderreichs begann zu sinken, als diese beiden Provinzen sich wieder dem Gesamtreich unterstellten.
Aber noch war es nicht so weit. Erst 267 konnte Gallienus es sich erlauben, aus dem Osten in den Westen zurückzukehren. Er griff Postumus in seinem Kerngebiet an, wurde aber bei einer Belagerung - vielleicht der Stadt Trier - verwundet.
Gallienus zog sich zurück. Aureolus, der für Gallienus die Garnison in Mailand befehligte, revoltierte und unterstellte sich Postumus. Das konnte der Kaiser nicht hinnehmen. Mailand war das militärische Zentrum ganz Oberitaliens. Gallien änderte also seine Schlagrichtung, zog nach Mailand, wo er während der Belagerung im September 268 ermordet wurde. Nun war es sein Nachfolger, Claudius Gothicus, der den Aufstand des Aureolus beendete, um danach sofort in Richtung Balkan zu ziehen, wo seine Anwesenheit dringend erforderlich schien. Damit feierte Postumus im Jahr 269 unangefochten seine Decennalien.
Laelianus und Mainz
Der Anfang vom Ende der Herrschaft des Postumus kam mit einem Aufstand in Mainz. Dort hatten die Soldaten den Laelianus zu ihrem neuen Kaiser erhoben. Wir wissen wenig über dessen kurze Herrschaft. So wird diskutiert, ob Laelianus kurzfristig eine Münzstätte des Postumus einnehmen konnte (Trier oder Köln?) oder in Mainz seine eigene etablierte.
Auf jeden Fall gelang es Postumus, den Aufstand niederzuwerfen. Was dann geschah, erinnert fatal an die Umstände, unter denen er selbst an die Macht kam: Während Postumus Mainz schonen wollte, vielleicht um langfristig die Ressourcen, die er aus dieser Stadt zog, zu sichern, forderten seine Soldaten die Plünderung. Während des dadurch entstehenden Streits wurde Postumus erschlagen.
Marius
Das Heer rief Marius zum Nachfolger des Postumus aus. Wir wissen fast nichts über ihn. Kein Wunder. Schließlich soll er vor seiner Ermordung nur zwei oder drei Tage geherrscht haben, das überliefern jedenfalls Eutrop und die Historia Augusta. Numismatiker glauben ihnen nicht. In zwei bis drei Tagen hätte sich seine umfangreiche Münzprägung, die uns überliefert ist, nicht realisieren lassen. Schätzungen seiner Regierungszeit reichen deshalb von ein paar Wochen bis zu ein paar Monaten. In diesen Monaten begann das Gallische Sonderreich zu zerfallen. Raetien war schon vor dem Tod des Postumus unter kaiserliche Kontrolle zurückgekehrt, nun taten das auch Britannien und Hispanien.
Kandidaten der Provinzialen
Das Ende war also abzusehen, als Victorinus das kaiserliche Amt übernahm. Er stammte aus einer wohlhabenden und einflussreichen Trierer Familie und hatte unter Postumus Karriere gemacht. Wir wissen, dass er das Amt des Prätorianertribuns bekleidet hatte, und 268 zusammen mit Postumus das Konsulat übernahm. Aus seiner Herrschaft ist vor allem sein Kampf gegen die Aeduer überliefert, die sich mit Claudius Gothicus verbündet hatten, um Gallien wieder dem Gesamtreich anzuschließen. Sieben Monate brauchte es, ehe Victorinus den Aufstand beendet hatte. Doch kurz danach - 271 - wurde auch er ermordet.
Tetricus
Es soll die Mutter des Victorinus gewesen sein, die das Gallische Sonderreich zusammenhielt. Sie veranlasste die Soldaten, den abwesenden C. Pius Esuvius Tetricus zum neuen Kaiser auszurufen. Der stammte ebenfalls aus einer bedeutenden Familie, kam allerdings nicht aus Trier, sondern aus Aquitanien. Angehörige seiner Gens hatten im Senat gesessen, und auch Tetricus war Senator gewesen, ehe er das Amt eines Statthalters im heimatlichen Aquitanien übernahm.
Nun richtete er seinen Amtsitz in Trier ein. Er soll die Münzstätte in Köln nicht mehr genutzt haben, was allerdings ein Unikum aus der Sammlung Zschucke widerlegt. Auf dessen Rückseite lesen wir die Münzstättensigle CA. Anscheinend blieb die Kölner Münzstätte unter Tetricus aktiv. Tetricus war ein Verwaltungsfachmann, kein Soldat. Sein Heer unterlag bei Catalaunum (Châlons-sur-Marne resp. Châlons-en-Champagne) dem neuen Kaiser Aurelianus, der auf Claudius Gothicus gefolgt war. Aurelianus war ein anderes Kaliber als seine Vorgänger. Ihm gelang es, das römische Imperium wieder in einer Hand zu vereinen.
Vielleicht war einer der Gründe dafür, dass Aurelianus pragmatisch vorging. Er ließ Tetricus, nachdem dieser brav in seinem Triumphzug mitgegangen war, nicht hinrichten, sondern betraute ihn wieder mit einem Verwaltungsposten.
Es ist bemerkenswert, dass Aurelian über die Herrscher des Gallischen Sonderreichs nicht die Damnatio memoriae verhängte. Vielleicht könnte man das als ein Zeichen der Hochachtung interpretieren, mit dem Aurelian schweigend zugestand, dass Postumus und seine Nachfolger den Westen für das römische Imperium gehalten hatten, während die Kaiser im Osten beschäftigt waren. Aurelian und nach ihm Diocletian verdankten es Männern wie Postumus, dass überhaupt noch etwas vorhanden war, das sie reorganisieren konnten, um so dem römischen Reich eine neue Blüte zu schenken.
Literatur:
Georg Elmer, Die Münzprägung der gallischen Kaiser in Köln, Trier und Mailand. Bonner Jahrbücher 146 (1941)
Andreas Luther, Das gallische Sonderreich. In: Die Zeit der Soldatenkaiser. Hg.: Klaus-Peter Johne. Berlin (2008), S. 325-343
Jerome Mairat, Roman Imperial Coinage. Volume V.4 The Gallic Empire (AD 260-274). London (2023)