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Münzen der römischen Provinzen: Ein Sammelgebiet für Spezialisten

Münzen der römischen Provinzen: Ein Sammelgebiet für Spezialisten

Lieben Sie es, sich vorzustellen, wie die Menschen im römischen Weltreich gelebt haben? Haben Sie mehr Spaß an Alltagsgeschichte als an perfekten Erhaltungen? Entdecken Sie gerne Neues? Dann sind die Münzen der römischen Provinzen das ideale Sammelgebiet für Sie.

Zehntausende von Touristen besuchen heute die beeindruckenden Ruinenreste der Türkei. Sie bummeln durch Ephesos, Troja und Aphrodisias, ohne zu bemerken, dass die meisten Reste nicht aus griechischer Zeit stammen. Das Bild, das uns die Ruinen der Mittelmeerwelt überliefern, wird von Gebäuden geprägt, die unter römischer Herrschaft entstanden. Denn erst nach der endgültigen Machtübernahme des Augustus erlebten die Provinzen eine lange und stabile Blütezeit.

Handel und Produktion verschafften findigen Unternehmern Rekordumsätze. Viele von ihnen nutzten den neu erworbenen Reichtum, um für sich selbst das Bürgerrecht zu kaufen und ihren Söhnen die beste Erziehung zukommen zu lassen. Danach schickten sie sie nach Rom. Davon erhofften sie sich, dass die Familie in die römische Elite aufstieg. Gerade das römische Heer wurde zum großen Karrieresprungbrett: Trajans Familie kam ursprünglich aus Spanien. Die Wurzeln von Septimius Severus lagen in Nordafrika.

Aber trotz des Aufstiegs innerhalb der römischen Aristokratie vergaß kein Bürger seine Heimatstadt. Wer - um nur ein Beispiel zu nennen - aus Ephesos stammte, wollte nicht nur in Rom, sondern vor allem in Ephesos zeigen, wie weit er es gebracht hatte. Das Resultat sind unzählige kleine und große, aufwändige und weniger aufwändige Bauten, die von einer städtischen Elite finanziert wurden.

Die Münzen der römischen Provinzialstädte des östlichen Imperiums gehören in den gleichen Zusammenhang. Sie bilden ab, worauf eine lokale Elite stolz war. Dafür wählten die Auftraggeber detaillierte Bilder. Kaum eine andere Münzprägung gibt uns ein besseres Verständnis davon, wie sich eine lokale Elite des römischen Reiches selbst sah und woraus sie ihr Selbstbewusstsein bezog.

Das Problem: Während griechische Münzen durch ihre Schönheit auch zu demjenigen sprechen, der noch nie etwas vom antiken Griechenland gehört hat, während römische Porträts uns einen direkten Zugang zu den darauf dargestellten Persönlichkeiten bieten, braucht es viel Wissen, um in die Münzprägung der römischen Provinzen abzutauchen. Wer sich dafür entscheidet, provinzialrömische Münzen zu sammeln, muss bereit sein, viel zu lesen, zu lernen und ganz genau hinzusehen. Er darf keine hohen Ansprüche an stilistische Raffinesse und perfekte Erhaltung stellen. Belohnt wird diese Bereitschaft damit, dass er selbst auf Münzen, die für wenig Geld zu haben sind, historische Entdeckungen machen kann. Wer Zeit und Lust hat, sich auf dieses Sammelgebiet einzulassen, wird belohnt mit einem direkten Blick in die Vergangenheit, wie ihn nur wenige Sammelgebiete offerieren können.

1.
Die Organisation der Provinzen

Grundsätzlich müssen wir bei der Verwaltung des römischen Weltreichs zwischen mehreren Ebenen unterscheiden. Da gab es zunächst die Person des Kaisers, auf die das ganze Imperium ausgerichtet war. Letztendlich hatte der Kaiser die ultimative Verantwortung; theoretisch konnte jeder römische Bürger an ihn appellieren. Man kann sich ganz gut vorstellen, mit welchen Bagatellen Bürger aus den hintersten Ecken des Reichs sich an den Kaiser wandten.

Dabei war eigentlich der Statthalter einer Provinz für deren Verwaltung zuständig. Je nachdem, ob sich in der Provinz viele oder wenige Legionen befanden, lag die Besetzung dieses Postens in der Hand des Kaisers oder des Senats. Der Senat ernannte zum Beispiel den Prokonsul der Provinz Asia, denn diese war schon lange befriedet. Die Provinzen Thrakien oder Syrien standen dagegen unter der Kontrolle des Kaisers, der den Posten mit einem Legatus Augusti pro praetore, also einem kaiserlichen Gesandten im Range eines Prätors, besetzte. So gewährleistete der Kaiser, dass im Falle eines Falles ein ihm treu ergebener Mann an der Spitze der in dieser Provinz stationierten Truppen stand.

Wie viel Verwaltungspersonal hatte so ein Prokonsul - zum Beispiel von Asia - dabei? Wir wissen, dass ihn 12 Liktoren begleiteten. Dazu kamen Boten und Sekretäre, öffentliche und private Sklaven, kurz: Wissenschaftler gehen heute von rund 100 bis 200 Beamten aus.* 100 bis 200 Personen? Im Jahr 2024 arbeiteten exakt 44.868 Beamte und städtische Angestellte bei Münchner Behörden. Auch wenn wir heute ganz andere Erwartungen an eine Stadtverwaltung stellen, macht das Beispiel klar, dass der Statthalter gar keine Chance hatte, seine Provinz auch nur annähernd zu betreuen, wenn ihn nicht die lokalen Eliten unterstützten.

Und die taten das gerne. Sie waren nämlich sehr stolz darauf, dass sie im Rahmen der lokalen Verwaltung von Rom völlig unabhängig waren. Jedenfalls solange alles funktionierte. Wenn es zu bewaffneten Aufständen kam, griff Rom sofort ein; und das wollten die herrschenden Eliten nach Möglichkeit verhindern. Deshalb sorgten sie dafür, dass der Frieden gewahrt wurde. Das Resultat war eine Art soziales Gleichgewicht, das auch den unteren Schichten das Leben in der Stadt lebenswert machte.

2.
Prokonsul Marcus Plancius Varus

Einige wenige Münzen geben uns Hinweise auf die Verwaltung der Provinzen. So liest man auf Münzen der bithynischen Stadt Iuliopolis den Namen des Proconsuls der Provinz: Marcus Plancius Varus. Woher dieser Mann kam, wissen wir nicht. Keine Seltenheit. Nur von den wenigsten Beamten, die auf Münzen erwähnt werden, besitzen wir epigraphische Zeugnisse. Von einer Erwähnung in den Schriften der zeitgenössischen Autoren ganz zu schweigen. Das Leben dieses Prokonsuls dagegen verhältnismäßig gut bekannt.

Die Familie von Marcus Plancius Varus soll in der Provinz Galatien umfangreiche Güter besessen haben. Mit ihnen finanzierten sie es dem vielversprechenden Marcus, nach Rom zu gehen und im Dienste des Kaisers aufzusteigen. Praetor wurde Marcus Plancius Varus unter Nero. Vespasian ernannte ihn zum Statthalter der Provinz Bithynien und Pontos. Er muss ein wichtiger Mitarbeiter der Flavier gewesen sein, immerhin gab ihm Tigranes VI. eine seiner Töchter zur Gemahlin.

Ein Marcus Plancius Varus konnte es sich leisten, als Wohltäter der Provinzialen aufzutreten. Wir wissen, dass er in Nikaia ein komplettes Stadttor stiftete. Und wir wissen, dass Münzen von mehreren Städten Kleinasiens seinen Namen in einem Kranz tragen. Ob er selbst diese Emissionen in Auftrag gab, oder ob die Bürger der Städte ihn wegen seiner Wohltaten auf diese Art feierten, das wird für immer unklar bleiben.

3.
Archon Flavius Licinnianus

Wesentlich häufiger als römische Beamte werden die lokalen Machtinhaber auf Münzen genannt wie zum Beispiel auf dieser Prägung der Stadt Maionia in Lydien. Beim Archon handelt es sich um den obersten Repräsentanten der Stadt, einen Flavius Licinnianus, der relativ häufig auf Münzen vorkommt. Als Archon leitete Flavius Licinnianus die Sitzungen des Stadtrats und der Volksversammlung. Er spielte eine zentrale Rolle bei kultischen Anlässen und gab viel von seinem eigenen Geld aus, um die städtischen Aufgaben zu erfüllen. Flavius Licinnianus muss also für Maionia sehr wichtig gewesen sein, aber eben nur für Maionia und nicht über die Grenzen der Stadt hinaus. Sonst wissen wir nichts über ihn. Auch deshalb sind die Münzen der römischen Provinzen so wichtig. Sie illustrieren, wie viele Lokalgrößen es gegeben haben muss, die in ihren Heimatstädten aktiv Politik betrieben.

4.
Die Dekurionen von Alexandria in der Troas
Versammlungsstätte des Stadtrats von Aphrodisias. Foto: KW

Es ist geradezu spektakulär, wenn man auf einer provinzialrömischen Münze die Politiker selbst zu Gesicht bekommt. Wir sehen sie auf einer Münze aus Alexandria in der Troas. Dieses Alexandria war eigentlich eine griechische Gründung, in der Augustus römische Soldaten ansiedelte. Gleichzeitig erhielt Alexandria den Status einer römischen Kolonie, was ihren Bürgern eine Reihe von Sonderrechten verschaffte.

Auch der Titel der Mitglieder des Stadtrats erinnert an die enge Verbindung zu Rom. Dekurio war ursprünglich ein militärischer Titel, der in der Kaiserzeit für zivile Belange verwendet wurde. Der Rat der Dekurionen verwaltete die lokalen Finanzen, entschied, welche städtischen Ausgaben getätigt wurden, und ernannte die Beamten. Er ist auf einer Münze, die zwischen 251 und 253 entstand, dargestellt. Dass die Politiker im Halbkreis sitzen, hat nichts mit künstlerischer Freiheit zu tun, sondern erinnert an den Tagungsort der Dekurionen. Stadträte versammelten sich nämlich gerne in den kleinen Odeia, denen man immer wieder in Ausgrabungen begegnet. Im Bedarfsfall saß hier nicht nur der Stadtrat, sondern ein Teil der Bevölkerung, wenn ein durchziehender Rhetor eine Festrede hielt oder ein Künstler auftrat. Auch Theater hatten diese Doppelfunktion: An diesem Ort wurden die großen Theaterstücke inszeniert, aber auch die Volksversammlung zusammengerufen.

5.
Die Stadt und ihre Gebäude

Und das ist ein wunderbarer Übergang zum nächsten Thema, denn auf nichts waren die Bürger einer Stadt so stolz wie auf die prachtvollen öffentlichen Gebäude, deren sich ihre Heimat rühmen konnte. Tempel, Stadtmauern, Brücken, das waren die Fixpunkte, die auch in der Münzprägung auftauchen.

6.
Die Festung von Amaseia

Allerdings muss man, um diese Darstellungen zu würdigen, sich von all den westlichen Sehgewohnheiten lösen. Vergessen Sie also die Zentralperspektive, an die wir uns seit der Renaissance gewöhnt haben!

Denn den Stempelschneidern ging es nicht darum, eine fotorealistische Ansicht des Geschauten zu reproduzieren. Für sie spielte die Bedeutung eines Gebäudes die zentrale Rolle. Sie stellten wichtige, für die Identität zentrale Gebäude groß dar, und ließen Unwesentliches weg. Die Benutzer der Münze hatten ihre Stadt ja vor Augen und wussten genau, welche Gebäude gemeint waren. 

Dieses Wissen fehlt uns heute. Wir kennen nur die Ruinen, und viele Forscher sind frustriert, wenn die Zahl der Säulen, die sie bei den Ruinen zählen, nicht mit den Säulen der auf den Münzen dargestellten Gebäuden übereinstimmen. Aber keinem Stempelschneider ging es darum, die Zahl der Säulen exakt im Münzbild zu überliefern! Versuchen Sie dieses Münzbild mit den Augen eines Kindes zu betrachten. Sie sehen darauf eine Art Berg, um den eine Stadtmauer mit dicken Festungstürmen läuft. Innerhalb des Mauerrings sind Gebäude verteilt, davon liegen die einen weiter unten, die anderen weiter oben. Tatsächlich erinnert diese Darstellung an die beeindruckenden Ruinen der Festung Amaseia, dabei ist die Münze eher "gefühltes" als realistisches Abbild.

7.
Die Stadtmauer von Sardeis

This coin also features a city wall. A lion is lying in front of it, large and prominent. And this is where the research begins that makes collecting Roman provincial coinage so exciting. Why is a lion depicted on this coin from Sardis?

We know that Sardis received an additional neokoria under the reign of Emperor Elagabalus. This was a highly coveted honor that the towns of Asia Minor were eager to obtain. This was because the neokoros was permitted to organize a major festival in honor of the imperial cult at regular intervals. This gave local dignitaries the opportunity to present themselves and their importance to the governor and the elite of the entire province. Could the lion refer to this event? After all, the title “neokoros” can clearly be read in the exergue of the coin.

This is supported by the fact that Elagabalus had himself worshipped in connection with the sun god, and the Greek god Apollo was associated with the lion. However, this is not proof of the hypothesis, at least not until more sources on the subject are found. But it is precisely this uncertainty that makes Roman provincial coinage so appealing – there are always questions waiting to be answered.

8.
Die Brücke über den Mäander

Comparatively many articles were published about the bridge that crossed the Meander near Antioch. Yes, that is right – the river Meander that gave its name to the art pattern. This coin, minted under Emperor Gallienus between 253 and 268, depicts a bridge with a kind of gatehouse on the left of it. On the bridge itself, there is a reclining river god depicted in the typical posture of river gods: he leans on a spring vessel and holds a bundle of reeds and a cornucopia. Was there actually such a statue on the bridge? It is possible. But it does not have to be, because the engraver could also have used this motif to depict the god of the Meander river himself. However, why would the citizens of Antioch depict a bridge that had already existed since early imperial times? Johannes Nollé** suggests that the reason for this was that the bridge gained strategic importance during the Persian Wars, which Emperor Gallienus was forced to wage. This would also explain why the emperor is depicted on the obverse in full armor with helmet, shield and spear.

9.
Rüstungsschmiede Kleinasien

Bleiben wir einen Moment bei der Reichspolitik, die sich gelegentlich im Münzbild der städtischen Prägungen spiegelt. Johannes Nollé fiel auf, dass dort in der zweiten Hälfte des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. besonders häufig Hephaistos zu sehen ist.

Er bringt das mit dem gestiegenen Bedarf der römischen Zentralregierung an Waffen in Verbindung. Schließlich war spätestens seit Marcus Aurelius der Frieden vorbei, und die Römer kämpften an vielen Fronten. Dafür brauchten sie Waffen, und Kleinasien war ein industrielles Zentrum mit vielen Fachleuten, die sich mühelos auf die neuen Bedürfnisse umstellen konnten.

10.
Die Rolle der Götter und Göttinnen

Der größte Teil der römischen Münzen zeigt - nicht nur in den Provinzen, sondern auch in Reichsrom - weder kaiserliche Propaganda noch Gebäude, sondern Götter und Göttinnen in allen Formen. Es ist bezeichnend, dass wir uns heute trotzdem kaum mehr vorstellen können, welch enorme Rolle die göttliche Gunst im antiken Denken spielte. Schuld daran ist die französische Aufklärung, die jedes religiöse Gefühl als Aberglauben diskreditierte, den eine gewinnorientierte Amtskirche auszunutzen verstand. Philosophen wie Voltaire haben uns den Blick darauf verstellt, dass es die Hoffnung auf eben diese göttliche Hilfe war, die einem antiken Menschen half, sein Schicksal zu meistern, ohne zu verzweifeln. Denn ohne moderne Medizin, ohne Wettervorhersagen, Welthungerhilfe und Versicherungen war jeder einzelne seinem Schicksal in einer für uns heute kaum mehr vorstellbaren Art und Weise ausgeliefert. Nicht nur das Individuum setzte seine Hoffnung auf die Götter. Jede Stadt hatte einen bunten Strauß von übermenschlichen Mächten, denen sie in ihrer Gesamtheit Verehrung erwies, um sich so die Unterstützung ihrer göttlichen Mitbürger zu sichern. Mit diesen Göttern identifizierte sich die gesamte Bürgerschaft. Man war stolz auf sie. Deshalb wurden sie häufiger auf Münzen thematisiert als alles andere.

Illustrieren wir das am Beispiel des Heilgottes Asklepios. Immer wieder wurde sein Kult von Städten importiert, die von einer Seuche heimgesucht wurden. Rom tat das aus genau diesem Anlass im Jahr 293 v. Chr. Viele andere Städte taten das Gleiche, wenn die lokalen Ärzte eine für die damalige Medizin unerklärliche Infektionskrankheit nicht in den Griff bekamen. Das ganze römische Reich litt seit der großen Pest unter Marcus Aurelius immer wieder unter lokal aufflackernden Epidemien. Asklepios schien da die richtige Antwort.

Neben den städtischen Kulten gab es die großen Zentren des Heilkults, wohin Heilung suchende Individuen pilgern konnten. Dort nahm sich ihrer eine spezialisierte Priesterschaft an, die ihnen half, ihren eigenen Weg zur Gesundheit zu finden.

11.
Asklepios in Pergamon

Neben Epidauros und Kos war Pergamon das wohl bekannteste Heiligtum. Kein Wunder, dass Asklepios zu den häufigsten Themen auf pergamenischen Münzen gehört. Dieses Beispiel entstand zwischen 193 und 211 unter dem Lokalpolitiker Flavius Xenokrates, der als Strategos an der Spitze der städtischen Verwaltung stand.

Die Rückseite zeigt Asklepios, gestützt auf seinem Schlangenstab, den Mantel so um sich geschlungen, dass die linke Brusthälfte unbedeckt bleibt. Vor ihm sehen wir zwei Kentauren, die beide einen Palmzweig in der Hand tragen.

Und damit geht schon wieder das Rätselraten an. Wir wissen von antiken Autoren, dass Asklepios sein Handwerk vom Kentauren Chiron lernte. Spielt die Darstellung darauf an? Warum sehen wir dann zwei Kentauren? Weist die Darstellung auf zwei reale Figuren hin, die irgendwo im Asklepiosheiligtum standen? Das wissen wir nicht; archäologisch können wir sie nicht nachweisen. 

Überhaupt, der Künstler wollte sicher keine geographische Situation fotorealistisch wiedergeben. Ihm ging es darum, den lebendigen Gott darzustellen, der seine Stadt schützt. Da der Mensch aber so geschaffen ist, dass die Phantasie Anregungen braucht, ließ sich der Stempelschneider vielleicht von einer realen Situation inspirieren. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

So ließe es sich erklären, dass die vielen Asklepiosdarstellungen, denen wir auf den Münzen begegnen, einander so ähnlich sehen. Sie gleichen sich so sehr, dass Archäologen damit das exakte Aussehen von Kultstatuen haben rekonstruieren wollen. Dies mag in Einzelfällen funktionieren, ist aber vom Ansatz gefährlich. Denn die Münzen der Provinzen bildeten - anders als unsere modernen Gedenkmünzen - nicht einen konkreten Gegenstand ab, sondern ließen sich durch ihn nur zu ihrer Abbildung inspirieren.

12.
Der Kaiserbesuch

Das Beste, was einer Stadt in den Provinzen geschehen konnte, war ein persönlicher Besuch des Kaisers. Denn das bedeutete eine enorme Aufwertung des Gastgebers. Die städtische Elite konnte sich so direkt vor dem mächtigsten Mann des Reiches profilieren und ihm ihre Bitten persönlich vortragen. Der reisende Kaiser zeigte sich gerne als Wohltäter und verfügte über die Ressourcen, alle städtischen Probleme effizient zu lösen. Seine Entscheidung war unangreifbar, beendete jede Diskussion innerhalb der städtischen Oberschicht.

Städte, die das Glück hatten, den Kaiser zu beherbergen, stellten dies gerne im Münzbild dar. Aber Achtung! Nicht immer weist die Darstellung des Kaisers auf einen Besuch hin. Oft spiegelt sich darin nur die Hoffnung, dass er die Stadt besuchen würde.

Im Falle Pergamons kam es 213/4 tatsächlich zu einem ausgedehnten Besuch. Caracalla wollte als Hilfesuchender selbst den Asklepios anrufen. Cassius Dio behauptet, er habe wegen der Ermordung seines Bruders Geta unter Alpträumen gelitten. Ob das wahr ist? Wir wissen es nicht. Es könnte sich auch um kaiserkritische Propaganda handeln. Wie auch immer, dass Caracalla Pergamon besuchte, ist gut dokumentiert. Wie der Besuch genau ablief, dafür gibt es keine schriftlichen Quellen. Was wir haben, ist eine eindrucksvolle Serie von Medaillons, die die Höhepunkte seines Besuchs festhalten. Unser Beispiel zeigt den Moment, als der Kaiser an der Spitze der Truppen hoch zu Ross in die Stadt einzieht und sich mit seiner Rede an die Pergamener wendet. Die Abbildung von Asklepios auf dem Podest? Nun, vielleicht ein pars pro toto, also ein Teil für das Ganze. Asklepios könnte für die gesamte Stadt und ihre Bevölkerung stehen. Oder soll Asklepios der Gastgeber sein, weil Caracalla sich erst im Asklepieion an die Bevölkerung wandte? Wir wissen es nicht. Uns fehlt die persönliche Erfahrung, die jeder Pergamener, der diese Münzen nutzte, besaß. Sie alle waren dabei gewesen und wussten genau, was Asklepios im Münzbild bedeutete.

13.
Tempel auf Münzen

Wen verwundert es nach all dem Gesagten, dass Tempel die auf provinzialrömischen Münzen mit Abstand am häufigsten dargestellten Gebäude sind? Gerne wird dabei auch deutlich gemacht, welcher Gottheit ein Tempel gehört, indem diese Gottheit in die Fassade des Tempels integriert wird. Das darf uns nicht dazu verführen, zu glauben, die Statue habe wirklich an dieser Stelle gestanden. Sie war hinter meist geschlossenen Toren vor profanen Augen im Tempelinneren verborgen.

Unser Beispiel stammt aus Pautalia, das ebenfalls über ein bedeutendes Heiligtum des Asklepios verfügte. Noch heute werden die schon in der Antike reich sprudelnden Thermalquellen im Badebetrieb des modernen Kyustendil genutzt. Auf der Münze sehen wir gleich mehrere Tempel. der des Asklepios ist durch seine Position in der Mitte hervorgehoben. Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie sogar das kleine Abbild des Gottes in der Tempelfassade.

Die Stadtgöttin von Perge hält das Kultbild der Artemis. Detail eines kaiserzeitlichen Reliefs aus Perge im Museum von Antalya. Foto: KW

Unser zweites Beispiel stammt aus den Jahren 275/6 und zeigt den Tempel der Artemis von Perge. Auch hier tritt uns Artemis in der Tempelfront entgegen, aber eben nicht so wie wir Artemis aus griechischen Zusammenhängen kennen. Diese Artemis hat nichts mit der jugendlichen Jägerin zu tun. Sie verweist durch ihre Gestalt auf einen Kult, der schon lange vor der Ankunft griechischer Siedler in Perge existierte.

14.
Lokale Mythen

Das erinnert uns daran, dass der tatsächlich gelebte Glaube in griechischen Städten nichts mit Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums zu tun hatte. Jede Stadt hatte ihre eigene Überlieferung, war stolz auf die lokalen Ausformungen der verschiedenen Kulte, auf die eigenen Heroen, Fluss-, Quell- und Berggötter. Sie waren oft wichtiger als die großen panhellenischen Gottheiten.

15.
Leukippos von Magnesia

Ein gutes Beispiel dafür ist Leukippos, der in Magnesia am Mäander als Stadtgründer - oder wie die Griechen sagten als Ktistes - verehrt wurde. Man schrieb ihm die Abstammung von Bellerophon zu und verband ihn so mit dessen Ahn Glaukos, der auf der Argo als Wahrsager den Weg gewiesen hatte. Es ist ein seltener Ausnahmefall, dass wir aus einem Scholion zu Apollonios von Rhodos Genaueres über den Gründungsmythos von Magnesia wissen: Eine Gruppe von Auswanderern hatte sich in Kreta niedergelassen, war aber mit der neuen Heimat unzufrieden. So baten sie in Delphi um Erlaubnis, nach Hause zurückkehren zu dürfen. Das Orakel verbot es ihnen und versprach, dass die Götter selbst eingreifen würden, um ihnen besseres Land zu geben. Daraufhin ging eine zwei Gesandtschaft nach Delphi, um sich nach den Modalitäten zu erkundigen. Sie erhielt folgende Antwort: "O edle Männer von Magnesia, ihr habt eure Frage geäußert. Nun kehrt heim. Der Mann, der neben den Toren des Tempels steht, wird euch führen und euch den Weg zeigen über den Berg Mykale hinaus in das Land von Pamphylien. Dort werdet ihr das reiche Haus von Mandrolytos finden mit seinen reichen Besitzungen am den Ufern des sich sehr windenden Flusses. Dort werden euch die Olympier großen Sieg schenken und großen Ruhm den Untadeligen und denen, die nicht durch Betrug herrschen." Der Mann, der neben dem Tempel auf die Gesandtschaft wartete und sie anschließend in ihr gelobtes Land führte, wo sie Magnesia am Mäander gründeten, war Leukippos.

16.
Androklos von Ephesos

Auch diese beiden Münzen beziehen sich auf einen Gründungsmythos, obwohl das nur derjenige erkannte, der wusste, welche Rolle der von einem Speer durchbohrte Eber im Gründungsmythos von Ephesos spielte. Stadtgründer Androklos hatte von Delphi ein Orakel erhalten, wo er die Stadt gründen möge, nämlich dort wo es ihm Wildschwein und Fisch zeigen würden. Als nun die zukünftigen Ephesier auf ihrer Reise am Abend die Schiffe an Land zogen, um auf festem Boden zu übernachten, sprang beim Kochen ein Fisch aus der Glut und entzündete durch die an ihm haftende Kohle ein trockenes Gebüsch. Das scheuchte einen Eber auf, den Androklos erlegte. Dieser Eber fand immer wieder Eingang in die Münzprägung der Stadt Ephesos.

Übrigens berichtet Pausanias, dass noch zu seiner Zeit das Grabmal mit dem Abbild des Androklos in Ephesos besichtigt werden konnte und überliefert in diesem Zusammenhang mehr über dessen (mythisches) Dasein. Er sei der Sohn des attischen Königs Kodros gewesen und habe die Ephesier in verschiedenen Kämpfen angeführt, bis er in einer Schlacht gegen die Karer den Tod gefunden habe. Moderne Archäologen sind der festen Überzeugung, Reste dieses Grabmals lokalisieren zu können.

17.
Lokale Spiele

Enden wir unsere kleine Einführung in die provinzialrömische Numismatik mit einem Blick auf die vielen Münzen, die Preise abbilden, die bei Spielen gewonnen werden konnten. Diese Spiele waren zwar ein Vergnügen für groß und klein, aber dennoch kein Selbstzweck. Sie wurden im Rahmen der Götterfeste durchgeführt. Ihre ursprüngliche Bedeutung war es, so die Menschen zu ermitteln, denen die Götter wohlgewogen waren. Im 2. und 3. Jahrhundert reduzierte sich das auf den Nervenkitzel, den jeder gute sportliche Wettkampf zu bieten hat.

Um die besten Athleten anzulocken, offerierten die wohlhabenden Städte üppige Preisgelder, die sie durchaus auch auf Münzen abbildeten. Wir sehen zwar noch immer die hohen Preiskronen, die den Siegern aufgesetzt wurden, und die Kantharoi mit Olivenöl. Aber daneben finden wir Beutel, die Münzen enthielten und erfolgreiche Berufssportler zu reichen Männern machten.

Wir besitzen keine schriftlichen Überlieferungen, die uns verraten, wie hoch diese Preise waren. Eine kleine Ahnung vermittelt ein Blick auf die Goldmedaillons von Abukir. Sie dienten wahrscheinlich im thrakischen Beroia als Preise, die anlässlich der lokalen Spiele unter Elagabal oder Severus Alexander vergeben wurden. Bitte vergleichen Sie dazu unseren Bericht über das Gulbenkian-Museum in Lissabon.

Sie sehen, auch wenn es den Münzen der römischen Provinzen ziemlich häufig an künstlerischer Meisterschaft der Stempelschneider fehlt, haben sie uns viel zu sagen, und zwar nicht über die römische Zentralregierung, sondern über die Bürger selbst, die unter dieser Zentralregierung ihr kleines, alltägliches Leben lebten.

Eine gerade erst erschienene Einführung in dieses Thema ist das von Andrew Burnett verfasste Buch "The Roman Provinces, 300 BCE-300 CE", das in der Cambridge University Press 2024 publiziert wurde. Leider ist diese hervorragende Einführung nur in englischer Sprache erhältlich.

18.
Künker @ Youtube
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