Zunächst eine Warnung: Sollten Sie ihre festgefasste Meinung über die Geschehnisse der Reformation nicht in Frage stellen wollen, dann verzichten Sie bitte darauf, diesen Beitrag zu lesen. Er weicht nämlich von dem Mythos ab, den wir in unserer Schulzeit verinnerlicht haben. Hier wird eine alternative Deutung der Person Friedrichs des Weisen vertreten, die eines eher glücklosen Politikers, der durch exquisite Propaganda zur Gallionsfigur der Reformation mutierte.
Eine problematische Ausgangslage
Am 17. Januar 1463 kam Friedrich III., der nach seinem Tod „der Weisen“ genannt wurde, als ältester Sohn des Kurfürsten Ernst von Sachsen zu Welt. Nach dessen Tod am 26. August 1486 übernahm Friedrich die Herrschaft. Nicht alleine. Er teilte sie sich mit seinem jüngsten Bruder Johann, der in seiner Residenzstadt Weimar saß. Ein weiterer Mitspieler war Onkel Albrecht der Beherzte. Der hatte zwar ein Jahr zuvor der Leipziger Teilung zugestimmt, mit der die Trennung der ernestinischen und der albertinischen Linie fixiert wurde, aber wer wollte zu diesem Zeitpunkt sagen, ob sich Albrecht auch daran halten würde? Friedrich III. musste also vorsichtig agieren; das entsprach sowieso seiner Wesensart. Sein Zaudern verursachte eine politische Niederlage nach der anderen. Zuerst scheiterte er daran, Erfurt seinem Gebiet anzugliedern. Dann verlor er die Vormundschaft über den minderjährigen hessischen Landgrafen. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass seine Familie nach dem Tod seiner beiden Brüder deren Bistümer Magdeburg, Halberstadt und Mainz nicht halten konnte.
Und dann folgte seine größte Niederlage, die er erlitt, weil er wegen eines aufmüpfigen Augustinermönchs den Kampf um die Kaiserkrone nicht einmal aufzunehmen wagte, und das obwohl Friedrich gegen die anderen Kandidaten – Franz I. von Frankreich, Heinrich VIII. von England und den Habsburger Karl I. von Spanien – durchaus gute Chancen gehabt hätte. Er war ein deutscher Fürst, besaß eine Stimme im Kurfürstenkollegium und war mit Abstand der machtloseste der vier Kandidaten, eine Eigenschaft, die Kurfürsten an Kaisern zu schätzen wussten. Dazu verfügte Friedrich durch seinen Anteil an den Silberbergwerken des Erzgebirges über genügen Ressourcen, um die notwendigen Bestechungsgelder fließen zu lassen. Die Geschichte wäre anders verlaufen, hätte Friedrich diesen Schritt gewagt. Die Nachwelt nannte ihn deswegen „weise“, seine Zeitgenossen dürften andere Adjektive benutzt haben.
Friedrich und Luther
Aber gehen wir in der Zeit zurück, um zu verstehen, warum Friedrich nicht zur Wahl antrat. Am 18. Oktober 1502 gründete er in seiner Residenzstatt Wittenberg eine Universität. Zu den Professoren, die an der Wittenberger Uni lehrten, gehörte der Augustinermönch Martin Luther. Für ihn wurde die Lage im Jahr 1518 brenzlig. Der Papst strengte einen Prozess gegen ihn an, und das gefährdete die Reputation Friedrichs und vor allem seiner jungen Universität. Friedrich bemühte sich zunächst, den Prozess niederzuschlagen, obwohl er Luthers Ansichten nicht teilte. Wir wissen, wie fromm er selbst war. Er pilgerte nach Jerusalem und trug eine gigantische Sammlung von Reliquien zusammen. Das klappte nicht. Seine nächste Idee: Kardinal Cajetan im Dezember 1518 zu bitten, Luther seine Thesen öffentlich diskutieren zu lassen.
Nur einen Monat später starb Kaiser Maximilian I. Ein neuer Kaiser musste gewählt werden. Der Fall Luther hatte Friedrich als Kandidaten desavouiert. Er hatte ganz Deutschland gezeigt, dass er nicht einmal an seiner Universität Ordnung halten konnte. Das Ergebnis: Karl I. von Spanien wurde als Karl V. am 28. Juni 1519 zum deutschen Kaiser gewählt und Luther erhielt in Worms die Gelegenheit, sich zu rechtfertigen. Wir wissen, wie das ausging. Luther verfiel der Reichsacht. Friedrich versuchte Schadensbegrenzung, indem er aushandelte, dass diese Reichsacht nicht auf sächsischem Gebiet gelten sollte. Luthers sächsische Anhänger interpretierten das als Freibrief. Bereits im Mai 1521 heirateten die ersten Priester. Im Januar 1522 beschloss der Wittenberger Rat – nicht der sächsische Herzog! – eine neue (protestantische) Kirchenordnung. Friedrich verbot sie noch im gleichen Monat. Doch das Geschehen hatte sich verselbständigt: Luther kehrte im März nach Wittenberg zurück. Damit verlor Friedrich jeglichen Einfluss auf das Geschehen. Irgendwann dürfte ihm nichts anderes mehr übrig geblieben sein, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und die Reformation zu akzeptieren. Friedrich starb am 5. Mai 1525. Protestantische Quellen behaupten, er habe sich auf dem Totenbett zu Luthers Lehre bekehrt.
Reformations-Marketing
Sein Tod machte den Weg frei, Friedrich den Weisen zur Ikone des Protestantismus umzuformen. Dabei half einer der bekanntesten Künstler seiner Zeit: Lucas Cranach. Er hatte eine Werkstatt installiert, die in der Lage war, in Arbeitsteilung seine Bilder schnell und günstig zu vervielfältigen. Zum ikonischen Bild entwickelte sich das Altersporträt des Herzogs. Er ist dargestellt mit weißem Backenbart und schwarzem Samtbarett. Unzählige Bilder von ihm hängen heute in den Kunstsammlungen, denn Friedrichs Nachfolger verschickten sein Bild systematisch an alle wichtigen Fürsten zumeist gepaart mit ihrem eigenen Porträt. So sicherten sie sich, nach der Anerkennung der Reformation, den Ruhm, Nachfolger des (unfreiwilligen?) Schutzherrn Luthers zu sein.
In welch unglaublichem Umfang diese Porträts gemalt wurden, darüber gibt uns eine zeitgenössische Quelle Auskunft: Am 10. Mai 1533 bezahlte Herzog Johann dem Maler Lucas Cranach 109 Gulden und 14 Kreuzer dafür, dass er 60 kleine Bilder von Friedrich und 60 kleine Bilder von ihm selbst gemalt hatte. Die meisten Bilder zeigen eine Inschrift, die erklärt, wie Johann das Schicksal seines Bruders gedeutet sehen wollte. Das von Luther selbst verfasste Gedicht besagt, dass Friedrich durch seine Vernunft, Geduld und sein glückliches Geschick den Frieden im Reich erhalten habe, indem er treu den Kaiser gewählt habe, ohne sein eigenes Wohl in den Vordergrund zu rücken. Er – Friedrich – habe in Wittenberg die Universität gegründet, aus der Gottes Wort hervorgegangen sei (so spricht Luther gerne von sich selbst; Anm. d. Verf.), mit dessen Hilfe die päpstliche Macht gestürzt und der rechte Glauben zurückgebracht worden sei.
Der Friedrich-Mythos im 19. Jahrhundert
Die Lutheraner blieben Meister der Propaganda und das bis weit ins 20. Jahrhundert. Machen wir also einen großen zeitlichen Sprung mitten hinein in den Ersten Weltkrieg, als sich am 31. Oktober 1917 der Thesenanschlag Luthers zum 400. Male jährte. Man hatte sich daran gewöhnt, anlässlich dieser 100-Jahr-Feiern große Feste zu feiern und Gedenkmünzen auszugeben. Tatsächlich hatten die wichtigsten Vertreter der protestantischen Kirchen im In- und Ausland noch im Frühsommer 1914 geplant, ein großes internationales Fest des Luthertums in Wittenberg durchzuführen. Vertreter aus zahlreichen europäischen Nationen, aus den USA, Kanada und Australien hatten ihre Teilnahme zugesagt. Doch dann brach der Erste Weltkrieg aus. In Deutschland verlor Luther seine internationale Komponente und wurde wieder deutschnational. Man griff zurück auf das Lutherbild des sächsisch-preußischen Historiker Heinrich von Treitschke. Der hatte behauptet, der Reformator habe eigentlich nur die deutsche Einigung vorweggenommen. Bismarck sei sein kongenialer Nachfolger. Deshalb könne nur der Deutsche Luther wirklich verstehen, weil Luther die innerste Seele des deutschen Volkes verkörpere.
Tat sie das wirklich? Verkörperte er auch die Seele Süddeutschlands, das unter Bismarcks Kulturkampf gelitten hatte? 1.800 katholische Pfarrer wurden damals eingesperrt, Kircheneigentum im Wert von 16 Mio. Goldmark beschlagnahmt. Damals erklärte die protestantische Mehrheit die katholische Minderheit im Zeichen der Aufklärung zu „Reichsfeinden“. Dies war ein von Bismarck gerne benutzter Kampfbegriff, den er später auf „Sozis“ und Polen übertrug. Die Nationalsozialisten sollten das politisch aufgeladene Schimpfwort „Reichsfeind“ in ihrer antijüdischen Propaganda wieder aufnehmen. Mit anderen Worten: Anfang des 20. Jahrhunderts diente die Gestalt Luthers eher dazu, Deutschland zu spalten, als es zu vereinen. Und das mochte sich mitten im Ersten Weltkrieg niemand leisten. Die sächsischen Wettiner, die schon lange zum Katholizismus zurückgekehrt waren (immerhin hatte ihnen das zwei Generationen lang Polen eingebracht), waren von einem Luther-Porträt auf den sächsischen Münzen auch nicht gerade angetan. So unterstützten sie die Ablehnung des Motivs durch Reichsschatzamt und Bundesrat. Die Begründung war diplomatisch: Die Bildseiten der Münzen des deutschen Kaiserreichs seien für die Mitglieder der herrschenden Fürstenhäuser reserviert.
Damit brauchte man ein neues Motiv. Wer hätte sich besser geeignet als Friedrich der Weise, den die Reformation zum Beschützer Luthers stilisiert hatte. Damit war Luther implizit auf der Münze anwesend, ohne abgebildet zu sein und vor allem ohne in katholischen Kreisen Anstoß zu erregen.
Der Chefmedailleur der Münzstätte Muldenhütten, Friedrich Wilhelm Hörnlein, wurde mit der Gestaltung des Münzbilds beauftragt. Er orientierte sich an dem ikonischen Porträt Friedrichs des Weisen aus der Werkstatt von Lucas Cranach und schuf so eine der schönsten Darstellungen in der Münzprägung des Deutschen Kaiserreichs. Die Umschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“ erinnerte die Zeitgenossen übrigens nicht nur an das von Luther gedichtete Kirchenlied. War dieses Lied noch im 18. Jahrhundert eine Art inoffizieller Hymne der Protestanten, hatte es sich in den Befreiungskriege als nationales Kampflied etabliert. Die Studenten des Wartburgfestes von 1817 hatten es gesungen und seitdem viele andere, die nationale Ideen vertraten. Im Ersten Weltkrieg erlebte die nationale Auslegung dieses Lieds einen Höhepunkt, als unzählige Feldpostkarten und Ansichtskarten mit Kriegsmotiven diesen Vers als Motto trugen.
Ursprünglich war eine Auflage von 350.000 Exemplaren von „Friedrich dem Weisen“ geplant. Doch mitten im Ersten Weltkrieg brauchte man das Silber für andere Zwecke. Es wurde lediglich eine symbolische Auflage von 100 Stück hergestellt. 30 Exemplare sicherte sich der sächsische Finanzminister. Weitere Stücke erreichten auf uns heute nicht mehr nachvollziehbaren Wegen die Münzsammlungen. Der Rest wurde während der Revolution von 1918 wieder eingeschmolzen. So wurde „Friedrich der Weise“ zur schönsten, seltensten, begehrtesten und damit teuersten Münze des Deutschen Kaiserreichs.
Eine spektakuläre Sammlung von deutschen Münzen ab 1871
Deshalb wird die Qualität einer Sammlung von Münzen des Deutschen Kaiserreichs (leider) oft daran gemessen, ob sie einen Friedrich den Weisen enthält oder nicht. Dabei gibt es so viele andere großartige Prägungen unter den deutschen Münzen ab 1871. Sie können die meisten davon in der kommenden Auktion 422 in außergewöhnlich guter Qualität erwerben, denn selbst wir sind nur selten in der Lage Ihnen ein so umfangreiches und qualitativ hochstehendes Angebot zu präsentieren. Hier finden Sie noch einige weitere spektakuläre Münzen aus Auktion 422. Das ist aber nur das, was man die Spitze des Eisbergs nennen könnte. Versäumen Sie also nicht, den Katalog genau zu studieren, wenn Sie sich für deutsche Münzen ab 1871 interessieren.
Literatur:
Wolfgang Flügel, Konfession und Jubiläum. Zur Institutionalisierung der lutherischen Gedenkkultur in Sachsen 1617-1830. Leipzig (2005) Armin Kohnle und Uwe Schirmer (Hg.), Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen – Politik, Kultur und Reformation. Leipzig (2015) Dorothea Wendebourg, Vergangene Reformationsjubiläen. In: Heinz Schilling (Hg.), Der Reformator Martin Luther 2017. Berlin (2014), 261-281
Frühjahrs-Auktion 422
Gold- und Silberprägungen aus Mittelalter und Neuzeit, u. a. Münzen und Medaillen von Anhalt aus der Sammlung Dr. Kurt Sonnenberg sowie Deutsche Münzen ab 1871
Vorbericht zu unseren Frühjahrs-Auktionen 420-422
Vier Tage unserer Auktionswoche im Frühjahr sind Prägungen aus Mittelalter und Neuzeit gewidmet. Angeboten wird der 3. Teil der Sammlung Beuth mit niederländischen Münzen, der 2. Teil der Württembergischen Münzgeschichte sowie eine umfassende Sammlung Anhalt. Dazu gibt es eine spektakuläre Auswahl von Münzen und Medaillen aus aller Welt mit dem Schwerpunkt Deutschland.
Unsere 1-Minuten-Vorschauen
Wir wissen, wie wenig Zeit uns der Alltag heute lässt, und laden deshalb alle, die sich schnell informieren wollen, zu unseren 1-Minuten-Vorschauen ein.