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Herakleios rettet das byzantinische Reich
Herakleios rettet das byzantinische Reich

Herakleios der Jüngere gehört zu den profiliertesten Herrschergestalten des frühen Mittelalters. Er veränderte die Welt nachhaltiger als viele andere Könige und Kaiser, indem er das byzantinische Reich vor dem Untergang bewahrte. Eine Münze erzählt, wie er an die Macht kam.

von Ursula Kampmann

Es gibt Menschen, die besitzen kein Talent zum Regieren. Zu ihnen gehörte der byzantinische Kaiser Phokas. Er agierte mehr als unglücklich, als der sasanidische König Chosrau II. seinen Großangriff auf das byzantinische Reich begann. Eine Stadt nach der anderen ging an die Sasaniden verloren, während Phokas in der Hauptstadt gegen immer neue Verschwörungen kämpfte.

Eine militärische Karriere

All das beobachtete ein alter General, der unter Maurikios seine großen Erfolge gefeiert hatte. Viele sagen, er sei armenischen Ursprungs gewesen, aber tatsächlich verraten uns die Quellen sehr wenig über die Herkunft jenes Herakleios des Älteren, der mit seinem beherzten und durchdachten Eingreifen das byzantinische Reich retten sollte. Seine erste Erwähnung in den antiken Quellen datiert ins Jahr 586, als er als Kommandant unter dem kaiserlichen Schwiegersohn Philippikos das Zentrum in der Schlacht von Solachon gegen die Sasaniden anführte und danach auf eine Erkundungsmission in Feindesland geschickt wurde. Immer wieder taucht Herakleios in den folgenden Jahren in den Berichten der Historiker auf. Wir lernen ihn als fähigen General kennen, der mit Pragmatismus, strategischem Können und persönlichem Mut seine Aufgaben erfüllt. Wann genau Herakleios das Amt des Exarchen von Afrika übernahm, wissen wir nicht. Es muss irgendwann in den letzten Regierungsjahren des Maurikios gewesen sein. Was wir uns dagegen denken können, ist, dass dieses Amt Resultat der hohen Wertschätzung seiner Fähigkeiten am kaiserlichen Hof war.

Herakleios und das Exarchat Karthago

Denn der Exarch von Karthago hatte weitreichende Vollmachten. Seine Aufgabe war es, die reiche, fruchtbare und deshalb strategisch wichtige Enklave in Afrika vor Übergriffen zu bewahren. Zu diesem Zweck besaß der Exarch sowohl alle militärischen als auch zivilen Kompetenzen. Er benötigte diese Vollmachten, um sicherzustellen, dass das in Karthago erzeugte Getreide, das Olivenöl und der Wein sicher die Hauptstadt erreichten, wo diese Ressourcen für die Versorgung der Bevölkerung unabdingbar waren.

Der Aufstand des Herakleios

Damit besaß der alte General aber gleichzeitig die Möglichkeit, die Ruhe in der Hauptstadt nachhaltig zu stören, indem er diese Nahrungsmitteltransporte zurückhielt. Der Reichtum seiner Provinz versorgte ihn mit ausreichend Ressourcen, um ein eigenes Heer aufzustellen. Nimmt man dazu die hervorragenden Beziehungen, die Herakleios der Ältere im Laufe seiner militärischen Karriere aufgebaut hatte, besaß er eine hervorragende Ausgangsposition, um den von vielen Zeitgenossen für unfähig gehaltenen Kaiser Phokas zu stürzen. Vergeltung musste Herakleios kaum fürchten. Phokas hatte mit dem Sasanideneinfall viel zu viel zu tun, um ein Heer nach Karthago zu schicken.

Die Übernahme des Consulats

Herakleios hatte noch einen Trumpf im Ärmel, den gleichen Trumpf, mit dem einige Jahrhunderte vor ihm jener General namens Vespasian hatte punkten können: Er besaß einen Sohn im besten Alter, der sich bereits erste Sporen als Militär verdient hatte. So schickte also der Exarch von Karthago seinen Sohn ins Rennen. Der erste Schritt war, dass beide gemeinsam das Amt der Consuln übernahmen. Wir wissen nicht, ob eine formale Ernennung durch den Senat von Karthago erfolgte oder ob Herakleios dies aus eigener Machtvollkommenheit beschloss. Was wir wissen, ist, dass er damit sehr vorsichtig Anspruch auf die Herrschaft erhob. Zwar hatte seit Iustinian I. kein Privatmann mehr diesen Titel geführt. Aber es war eben nicht der Titel Augustus. Consul ließ Verhandlungsspielraum, sollte es notwendig werden, sich mit Phokas oder einem neuen Kaiser zu einigen. Münzen aus Karthago und Alexandria erinnern an diese Aktion. Sie sind der Vorderseite unseres Stückes sehr ähnlich. Die Inschrift ihrer Rückseite dagegen bezieht sich nicht auf die kaiserliche, sondern auf die consularische Sieghaftigkeit.

Diptichon des Boethius. Museo di Santa Giulia / Brescia. Foto: KW

Auf all diesen Münzen tragen der ältere und der jüngere Herakleios die klassische Tracht des Consuls. Wie diese aussah, zeigt uns das berühmte Diptychon des Boethius, das heute im Museo di Santa Giulia in Breccia aufbewahrt wird. Charakteristisch sind die bandartigen Falten des bestickten Gewandes, die so übereinander geschlungen wurden, dass die Hände zum Halten von Insignien frei blieben. Dieses Gewand war eine Weiterentwicklung der römischen Trabea, die wir in nachiustinianischer Zeit als Loros kennen. Dazu gehörte ein Szepter aus Elfenbein, oft von einem Adler oder einem Kreuz bekrönt und die Mappa. Diese Mappa war nichts anderes als ein gefaltetes Tuch, mit dem der Konsul das Signal zum Beginn der beliebten Zirkusspielen gab. Auch die Schuhe waren von Bedeutung. Während der Kaiser allein das Recht hatte, purpurgefärbte Schuhe zu tragen, trugen die Consuln auffälliges Schuhwerk, das auf den Diptycha detailliert dargestellt ist.

Immer wieder hatten sich byzantinische Kaiser in der Tracht des Consuls auf ihren Münzen darstellen lassen. Wir sehen hier ein Beispiel, das im Jahr 603 unter dem Gegner des Herakleios entstand. Phokas trägt das typische Gewand, und hält dazu in der rechten Hand das Adlerszepter, in der linken die Mappa. Einziger auffälliger Unterschied ist die Kaiserkrone, auf die die Prägung des älteren Herakleios programmatisch verzichtet.

Bürgerkrieg

Herakleios der Jüngere zog mit Flotte und Heer in Richtung Konstantinopel. Auf seinem Weg eroberte er das reiche Ägypten und die wichtige Handelsdrehscheibe Zypern. Einer Münzstätte auf der Insel Zypern ordnet der sachkundige Autor des Katalogs einer bedeutenden Privatsammlung byzantinischer Münzen, die am 2. November 1998 bei Sotheby unter Nr. 198 versteigert wurde, eine bis dahin unpublizierte Münze zu. Ihre Vorderseite ist stempelgleich mit unserer Prägung. Ihre Rückseite beschreibt dagegen (noch) - wie die Vorbilder aus Karthago und Alexandria - die consularische Sieghaftigkeit. Es läge nahe, das bei uns angebotene Unikum als den nächsten Schritt des Aufstands zu interpretieren. Fühlte sich der jüngere Herakleios nun machtvoll genug, um den bisherigen Amtsinhaber herauszufordern? Oder hatte in der eher selten benutzten Münzstätte von Zypern ein Münzknecht einfach nur eine alte Rückseite erwischt?

Herakleios kämpft um das wahre Kreuz gegen die Sasaniden. Fresko im Chor der Kirche San Francesco / Arezzo, gemalt von Piero della Francesca. Foto: KW

Angriff auf die Hauptstadt

Im Oktober 610 betrat Herakleios der Jüngere an der Spitze seines Heeres die Hauptstadt. Sie fiel ihm wie eine reife Frucht in den Schoß. Phokas soll zu dem Zeitpunkt nur noch seine Leibwache und eine Art Bürgerwehr aus kräftigen Männern der Blauen und der Grünen - zwei der vier Zirkusparteien - kommandiert haben. Doch die Leibwache und die Truppen der Grünen liefen zu Herakleios über. Damit war die Hauptstadt gewonnen. Phokas wurde getötet; sein Kopf auf einer Lanze durch die Stadt getragen. Herakleios der Jüngere trat die Herrschaft an. Was aus seinem Vater wurde, darüber wissen wir wenig. Der alte General fühlte sich nicht bemüßigt, eine zentrale Rolle in der jungen Herrschaft seines Sohns zu übernehmen. Er verschwand aus der Geschichte. Herakleios der Jünger dagegen sollte - ganz anders als sein Vorgänger - zu einem der fähigsten Herrscher des byzantinischen Reichs werden. Ihm gelang es, die Sasaniden endgültig zu besiegen und das wahre Kreuz zurückzubringen, was die orthodoxe Kirche heute noch mit einem Hochfest feiert. Dass er mit seinen Siegen letztendlich den Weg frei machte für die Eroberungen der arabischen Stämme, war eine Ironie der Geschichte, mit der kein Byzantiner gerechnet hatte.

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