von Ursula Kampmann
Christian Andreas Cothenius (1708-1789), Leibarzt Friedrichs II. und Reorganisator des preußischen Lazarettwesens, stiftete testamentarisch eine Summe von 1.000 Talern in Gold - angelegt zu 5 Prozent Zinsen -, um die medizinische Forschung zu fördern. Er bestimmte, dass die Academia Leopoldina-Carolina in bester aufklärerischer Tradition Preisfragen stellen solle, um für die bemerkenswerteste Antwort alle zwei Jahre aus den Zinsen seines Kapitals eine goldene Medaille zu verleihen.
Die passende Medaille im - ebenfalls von Cothenius festgelegten - Wert von 60 Talern ließ Cothenius bereits zu Lebzeiten entwerfen und den Stempel in der Berliner Münzstätte herstellen. Verantwortlich zeichnete für deren Gestaltung der jüdische Medailleur Jacob Abraham, der seit 1752 als Stempelschneider und königlicher Medailleur der verschiedenen preußischen Münzstätten wirkte. Die Medaille zeigt auf der Vorderseite das Brustbild ihres Stifters, auf der Rückseite eine lateinische Inschrift im Lorbeerkranz. Sie lautet (in Übersetzung): Als Anerkennung der Tüchtigkeit derer, die das Wohl der Sterblichen fördern. Darunter sieht man - nachträglich hinzugefügt und deshalb etwas gequetscht - das Sterbedatum des Stifters. An eine mögliche Gravur mit dem Namen des Preisträgers wurde bei der Gestaltung nicht gedacht. So erscheint auch sein Name in der Regel ziemlich gequetscht am oberen Rand der Medaille.
Die Leopoldina-Carolina: Ihre Finanzen und Wettbewerbe
Die Akademie, die für diese Preisverleihungen verantwortlich zeichnete, wurde 1652 in Schweinfurt als private Gesellschaft einiger Ärzte gegründet. 1687 erhielt die Vereinigung von Naturwissenschaftlern von Kaiser Leopold mit dem Großen Privileg die Unabhängig von allen Territorialfürsten und damit den begehrten Status einer "nationalen" Akademie. 1712 bestätigte Karl VI. ihre Privilegien und erlaubte ihr, sich fortan Leopoldinisch-Carolingische Akademie der Naturforscher zu nennen. Die Leopoldina-Carolina zählte zu den wichtigen naturforschenden Gesellschaften des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts. Cothenius hatte lange Jahre als ihr Vizepräsident amtiert und kannte ihre wirtschaftlichen Probleme. Dank seiner Initiative konnten, nachdem am 5. Januar 1791 erstmals ein Zins ausgeschüttet worden war, zwischen 1789 und 1817 zwölf Preisfragen formuliert werden, die fünf preisgekrönte Beiträge hervorbrachten.
Doch die Verwerfungen der Französischen Revolution machten der Leopoldina-Carolina und damit dem Cothenius-Wettbewerb schwer zu schaffen. Die Gesellschaft hatte ihr Quartier dort, wo ihr Präsident lebte, und der tat dies ausgerechnet in Erlangen, einer Stadt, die zwischen 1791 und 1812 fünfmal die Zugehörigkeit wechselte. Jedes Mal verlangten die Behörden aufs Neue minutiöse Auskünfte über die Gesellschaft, ihre Mitglieder und ihre Finanzen, vor allem als 1806 auf persönlichen Befehl Napoleons der Verleger der hauseigenen Zeitschrift erschossen wurde. Als der damals bekannte Botaniker und Mykologe Nees van Esenbeck die Präsidentschaft übernahm, hatte er größere Sorgen als sich neue Fragen für den Cothenius-Wettbewerb auszudenken. An allen Ecken und Enden fehlte das Geld, und zwar in solchem Grade, dass sich der Präsident entschied, nicht nur die Zinsen, sondern sogar einen Teil des Stiftungskapitals seinem Zweck zu entfremden, und damit die vielen Löcher in der Bilanz zu stopfen.
1858 übernahm Dietrich Georg Kieser das Amt. Er sorgte dafür, dass das Stiftungskapital zurückerstattet und auf 1.200 Taler erhöht wurde. Am 1. August 1859 ließ er zum ersten Mal seit 42 Jahren wieder eine Preisfrage veröffentlichen: Schützt die durch Impfung der wahren Viehseuche entstandenen schwarzen Blatter (Pustula maligna) vor dem wahren Nervenfieber (Thyphus), der Pest und dem gelben Fieber? Kann durch Impfung des Rindviehes mit dem Contagium des Nervenfiebers (Pest etc.) eine Krankheit bei demselben erzeugt werden, wie die Vaccina durch Impfung des Rindviehes mit Variola.
Doch die Zeit der Preisfragen war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorbei. Wissenschaftler arbeiteten nicht mehr auf Zuruf, sondern langfristig. So ging bis zum Stichtag am 1. September des Jahres 1861 nur eine einzige Antwort ein, der die Jury zudem attestierte, dass sie "vorzugsweise einen von der Preisfrage entfernten Gegenstand" habe und gegen die Beweisführung des Verfassers "viele Einwürfe" vorgebracht werden könnten. Die nächsten beiden Preisfragen fanden dann gar keinen Bearbeiter mehr. Ein guter Grund, über ein neues Konzept nachzudenken.
Die bedeutendsten Naturwissenschaftler ihrer Zeit
1872 wurden die neuen Statuen der Leopoldina-Carolina eingeführt, und seit 1876 schreibt die Gesellschaft keine Wettbewerbe mehr aus, sondern verleiht die Cothenius-Medaille bedeutenden Naturwissenschaftlern auf Grund ihrer erbrachten Leistungen in den Gebieten Mathematik und Astronomie, Physik und Meteorologie, Chemie, Mineralogie und Geologie, Botanik, Zoologie und Anatomie, Physiologie, Anthropologie, Ethnologie und Geographie bzw. wissenschaftliche Medizin. Zu den mit der Cothenius-Medaille ausgezeichneten gehören viele Nobelpreisträger, darunter Iwan Petrowitsch Pawlow, Otto Hahn und John Carew Eccles sowie bekannte Persönlichkeiten wie Rudolf Virchow und Konrad Zuse.
Adolf Fick: Pionier der modernen Physiologie
1893 erhielt auch Adolf Eugen Fick die Cothenius-Medaille. Der 1829 in Kassel geborene Mediziner war einer der großen Pioniere der modernen Physiologie. Er wollte sich nicht nur damit begnügen, die körperlichen Funktionen zu beschreiben - wie es die Physiologie Jahrhundertelang getan hatte. Ihn interessierte die Funktionsweise des Körpers. Er hatte ursprünglich Mathematik studiert, und so begann er mathematische und physikalische Methodik auf den menschlichen Körper anzuwenden. 1851 promovierte er mit einer Arbeit über den Astigmatismus, eine Fehlsichtigkeit des Auges, die er auf Fehler in der Hornhautkrümmung zurückführte. Danach ging Fick in die Forschung. Er habilitierte sich 1853 in Zürich, wo er erst als außerordentlicher Professor, dann ab 1862 als ordentlicher Professor für Physiologie lehrte. 1868 wechselte er nach Würzburg und verschaffte dem dortigen Institut für Physiologie weltweite Anerkennung.
Fick beschäftigte sich unter anderem damit, wie Stoffe durch den Körper transportiert werden. Um seine Thesen zu beschreiben, formulierte er das bis heute gültige und nach ihm benannte Ficksche Diffusionsgesetz und konstruierte den Plethysmographen, ein Instrument, mit dessen Hilfe die Blutgeschwindigkeit aufgezeichnet und eine Volumenänderung in den Arterien erfasst werden kann. Ein weiteres Forschungsgebiet war der Kreislauf und die Herzleistung. So bestimmte er 1870 über das Fick'sche Prinzip das Herzzeitvolumen aus Sauerstoffverbrauch und arteriovenöser Sauerstoffdifferenz.
Er untersuchte außerdem die Funktionsweise der Muskeln und hinterfragte, wie die Energie dafür freigesetzt wird. In diesen Zusammenhang gehört die Erfindung des Pendelmyographion zur Messung von Muskelzuckungen.
Nicht vergessen sei das Applanationstonometer, mit dem erstmals der Augeninnendruck gemessen werden konnte. Das dabei angewendete Imbert-Fick-Gesetz ist für die Augenmedizin immer noch von entscheidender Bedeutung.
Heute zählt man Adolf Fick zu den großen Neuerern der Medizin des 19. Jahrhunderts, die den Weg zu unserer modernen Medizin gebahnt haben.
Ein einmaliges Zeugnis der modernen Medizingeschichte
Mit der Cothenius-Medaille aus dem Besitz von Adolf Eugen Fick kann Künker ein einmaliges Zeugnis der modernen Medizingeschichte anbieten, das sicher Interesse unter all denen hervorrufen wird, die sich bei ihrer Sammeltätigkeit auf die Medizin, ihre Vertreter und ihre Geschichte konzentrieren.
Quellen:
Hermann Knoblauch, Geschichte der kaiserlichen Leopoldinisch-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher während der Jahre 1852 bis 1887 mit einem Rückblick auf die Frühere Zeit ihres Bestehens. Halle 1889. https://ia801306.us.archive.org/27/items/geschichtederka00knobgoog/geschichtederka00knobgoog.pdf "Adolf Fick". In: Würzburg Wiki. https://wuerzburgwiki.de/wiki/Adolf_Fick "Christian-Andreas-Cothenius-Medaille. In: museum-digital-sachsen-anhalt https://st.museum-digital.de/object/100