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Der seltenste Typ der russischen Familienrubel aus dem Besitz Friedrich Wilhelms IV.

Der Seltenste Typ der Russischen Familienrubel aus dem Besitz Friedrich Wilhelms IV.

Sebastian Steinbach and Martin Ziegert

Alexandra Fjodorowna, die auf der Rückseite des Familienrubels im Zentrum dargestellt ist, wurde 1798 als Prinzessin Charlotte von Preußen und damit als Schwester von Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.) und Prinz Wilhelm (I.) geboren.

Nach der Verbannung Napoleons auf die Insel Elba im April 1814 und in Vorbereitung des Wiener Kongresses weilte Großfürst Nikolaus mit seinem Bruder Michael im Herbst des Jahres in Berlin. Bereits zu diesem Zeitpunkt soll es Verhandlungen über eine Heirat zwischen Charlotte und Nikolaus gegeben haben. Verliebt haben sich die beiden, wie man aus Briefwechseln und Tagebucheinträgen der preußischen Prinzessin entnehmen kann, wohl bei Nikolaus zweitem Besuch in Berlin im Jahr 1815. Das junge Paar verlobte sich zwar noch vor seiner Rückkehr nach Russland, doch bis zur Hochzeit sollten zwei Jahre vergehen. Im Juni 1817 reiste Charlotte mit ihrem Bruder Wilhelm nach St. Petersburg, wo sie zum russisch-orthodoxen Glauben übertrat und den Namen Alexandra Fjodorowna annahm. An ihrem 19. Geburtstag, dem 13. Juli 1817, wurde schließlich die Hochzeit mit Großfürst Nikolaus Pawlowitsch vollzogen. Auch wenn es sich um eine Liebeshochzeit gehandelt haben dürfte, sollte die Verbindung in erster Linie der politischen Stärkung des Bündnisses zwischen Preußen und Russland dienen.

Dennoch muss die Ehe äußerst glücklich und von tiefer Harmonie geprägt gewesen sein. Als 1837 Teile des Winterpalais von Sankt Petersburg durch ein Feuer zerstört worden waren, soll Nikolaus erleichtert gewesen sein, dass eine Schatulle mit Briefen Charlottes aus der Zeit ihrer Verlobung die Flammen überstanden hatte.

Bereits ein Jahr nach der Hochzeit, am 29. April 1818, kam Alexander, der spätere Kaiser Alexander II. zur Welt. Mit ihm besuchte das Paar verschiedene europäische Herrscherhäuser und zeigte sich dabei stets als glückliche und unbeschwerte Familie. Nikolaus soll ein strenger, aber liebevoller Ehemann und Familienvater gewesen sein.

Auch von Russland aus, hielt Charlotte ihre engen Beziehungen zu Preußen aufrecht, durch wöchentliche, später monatliche Briefe an ihre beiden älteren Brüder Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.) und besonders an Prinz Wilhelm (I.). Das Verhältnis des russischen Kaisers zu Charlottes Brüdern war herzlich, trübte sich jedoch nach der Revolution von 1848 ein.

In Berlin hatte sich Wilhelm mit seinem erzkonservativen Auftreten zum Feindbild der Revolutionäre gemacht und musste auf Befehl seines Bruders im März 1848 nach London ins Exil abreisen. Charlotte schrieb ihm im Juni 1848, er möge die Regierung in Preußen anstelle seines älteren Bruders übernehmen, doch wies der Thronfolger dieses Ansinnen zurück. Nikolaus erwog ernsthaft, in Preußen einzumarschieren, um die Reformen wieder rückgängig zu machen.

Bildunterschriften v.l.n.r.
Igor Bottmann: Kaiser Nikolaus I. vor dem Cottage in Peterhof, Gemälde 1849.
George Dawe: Kaiserin Alexandra Fjodorowna, Gemälde 1826.

Der erste Entwurf nach bayerischem Vorbild

Im Jahr 1828 wurde in Bayern der Geschichtstaler „Segen des Himmels“ (Los 227) ausgegeben, der auf der Vorderseite das Porträt Ludwigs I. (1825–1848) zeigte, auf der Rückseite dagegen das Brustbild seiner Frau Therese im Zentrum, umgeben von Brustbildern ihrer acht Kinder. Diese Münze faszinierte den russischen Botschafter Fürst Grigorij Iwanowitsch Gagarin, der im September 1835 ein Exemplar an Graf Kankrin, den russischen Finanzminister, schickte. 

Graf Kankrin gefiel die bayerische Münze ebenfalls und da das zehnjährige Thronjubiläum des Kaiser Nikolaus I. am 24. Dezember 1835 bevorstand, erteilte der Finanzminister den Auftrag für den sogenannten Familienrubel.

Der erste Entwurf 

Den Auftrag Kankrins übernahm der noch junge, jedoch bereits sehr talentierte Stempelschneider Pawel Petrowitsch Utkin. Da auf dem bayerischen Vorbild auf der Vorderseite der Herrscher abgebildet ist, entstand mit dem Familienrubel die einzige zeitgenössische Münze von Nikolaus I., die auch sein Porträt zeigt. Auf der Rückseite wurde im Zentrum Kaiserin Alexandra Fjodorowna angeordnet, umher die Brustbilder der sieben Kinder. Anfang Dezember 1835 konnte Utkin seinen ersten Entwurf vorlegen. Die Ikonographie war dem bayerischen Vorbild noch sehr nahe, doch war die Legende stark reduziert worden: Weder der Name des Kaisers oder seiner Familie auf der Rückseite noch der Anlass der Prägung (das zehnjährige Herrscherjubiläum) wurden genannt.

Bildunterschriften v.l.n.r.
Franz Krüger: Bildnis des Großfürsten Alexander Nikolajewitsch, Gemälde 1847. 
Christina Robertson: Bildnis der Großfürstin Maria Nikolajewna, Gemälde 1841. 
Christina Robertson: Bildnis der Großfürstin Olga Nikolajewna, Gemälde 1841. 
Franz Krüger: Bildnis des Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch, Gemälde 1847. 
Christina Robertson: Bildnis der Großfürstin Alexandra Nikolajewna, Gemälde 1840. 
Franz Krüger: Bildnis des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, Gemälde 1847. 
Franz Krüger: Bildnis des Großfürsten Michail Nikolajewitsch, Gemälde 1847.

Verbesserungswünsche des Kaisers 

Am 6. Dezember 1835 legte Kankrin dem Kaiser 36 Exemplare zur Begutachtung vor. Nikolaus I. billigte die Idee einer Gedenkmünze, forderte jedoch einige Verbesserungen an dem ersten Entwurf. Besonders das Bild seiner Frau gefiel ihm nicht, es soll ihm mit dem Doppelkinn zu alt vorgekommen sein. Vom zweiten überarbeiteten Stempel mit jugendlicherem Porträt der Kaiserin entstammten 50 Exemplare, bevor er Risse bekam und der dritte Stempel hergestellt werden musste. Von diesem dritten Stempel sind 150 Stück in mehreren Produktionen geprägt worden sowie Novodels, die nach den offiziellen Prägungen zu Geschenk- und Sammlerzwecken mit den Originalstempeln geprägt wurden. Ein vierter Stempel wurde schließlich notwendig, weil beim dritten der Rand abplatzte. Wir wissen nicht, wie der Familienrubel (Los 297) in den Besitz von Friedrich Wilhelm IV. gekommen ist. Denkbar ist, dass die Münze ein Geschenk von Nikolaus an seinen Schwager war. In jedem Fall handelt es sich bei dem vorliegenden Stück um einen Abschlag des ersten, abgelehnten Stempelpaares und damit um eine der seltensten und populärsten Prägungen der russischen Numismatik.

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