Vom 10. bis zum 16. Juni 1802 trafen sich – nur wenige Kilometer von der russisch-preußischen Grenze entfernt – Friedrich Wilhelm III. und seine Gattin Luise mit dem nur ein Jahr zuvor auf den Thron gekommenen Alexander I. in Memel. Das war etwas Besonders: Es war die erste Begegnung eines Kaisers mit einem preußischen Herrscher, seit Peter der Große im Jahr 1716 mit Friedrich Wilhelm I. „Lange Kerls“ gegen das Bernsteinzimmer getauscht hatte.
Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Man war im gleichen Alter und teilte die gleiche Lebenseinstellung. So saß Alexander mit Luise täglich beim Frühstück und ließ sich selbstgebraute Schokolade kredenzen. Die Freundschaft, die in Memel entstand, sollte ein Leben lang dauern und auch politische Folgen haben.
Der Aufstieg Preußens
Die gemeinsame Freundschaft hielt auch, als die Königsfamilie nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt Richtung den Osten floh. Alexander I. eilte persönlich nach Memel, um ihnen seine Hilfe anzubieten. Auch wenn Russland damals an Frankreich scheiterte, wuchs die gegenseitige Hochachtung noch während der Friedensverhandlungen von Tilsit und Alexander lud das Königspaar ein, den Winter 1808/09 mit ihm in St. Petersburg zu verbringen.
Der Vertrag von Kalisch zwischen Preußen und Russland im Februar 1813 läutete die Freiheitskriege ein. Gemeinsam schlug man die Völkerschlacht bei Leipzig, gemeinsam zog man in Paris ein. Gemeinsam verhandelte man in Wien, und dank der russischen Unterstützung konnte Preußen sein Staatsgebiet deutlich erweitern. Gemeinsam schloss man die Heilige Allianz, um in Zukunft revolutionäre Unruhen zu unterbinden.
Die Ehe zwischen Charlotte und Nikolaus I.
Am 6. März 1814 begegnete die fast 16-jährige preußische Prinzessin Charlotte, älteste Tochter Luises und Friedrich Wilhelms, dem fast 18-jährigen Nikolaus. Er war der jüngere Bruder von Kaiser Alexander I. Ein Jahr später verlobten sich die beiden. Was politisch gewollt war, basierte glücklicherweise auf Zuneigung, die sich im Laufe der Jahre vertiefen sollte.
Die Frau Alexanders I., Kaiserin Elisabeth, war zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits 38 Jahre alt und erwartete nach zwei Fehlgeburten keinen weiteren Kindersegen. Damit stand Nikolaus bei der Hochzeit mit Charlotte am 5. Juli 1817 an zweiter Stelle in der Thronfolge – hinter seinem Bruder Konstantin.
Als der nach dem Tod des Vaters auf die Herrschaft verzichtete, bestiegen Nikolaus und Charlotte den russischen Kaiserthron. Es war ein Verwandtschaftsbesuch, wenn Nikolaus nach der ersten Fehlgeburt seiner Frau einige Monate in Berlin verbrachte. Die Königsfamilie reiste zur Tochter bzw. Schwester, wenn Friedrich Wilhelm III. und seine Kinder nach St. Petersburg fuhren. Briefe wurden eifrig gewechselt, vor allem zwischen Wilhelm I. und Charlotte, die sich menschlich, aber auch politisch sehr nahestanden. In ihren Briefen vermischen sich regelmäßig Familienangelegenheiten mit Politik.
Der Besuch in Russland
Im Juni 1818 besuchte Friedrich Wilhelm III. seine Tochter in St. Petersburg, woran eine Medaille (Los 105) erinnert. Charlotte hatte am 17. April 1818 ihrem ersten Sohn das Leben geschenkt. Er sollte als Alexander II. im Jahr 1855 den russischen Thron besteigen.
Dieser Besuch hatte in Preußen architektonische Folgen: Friedrich Wilhelm III. besichtigte in Pawlowsk das russische Dorf, das dort gerade errichtet wurde. Der Herrscher erbat sich die Pläne und nutzte sie nach dem Tod Alexanders I., um „als ein bleibendes Denkmal der Erinnerung an die Bande der Freundschaft zwischen Mir und des Hochseeligen Kaisers Alexander von Russlands Majestät, bei Potsdam eine Colonie zu gründen, welche ich mit den, von Seiner Majestät mir überlassenen Russischen Sängern als Colonisten besetzen und Alexandrowka benennen will.“ Dieses russische Dorf gibt es noch heute. Es gehört zusammen mit der Alexander-Newski-Gedächtniskirche zu den Attraktionen Potsdams.