Im September des Jahres 1835 schickte der russische Botschafter Fürst Grigorij Iwanowitsch Gagarin aus München eine Münze an den russischen Finanzminister Graf Egor Francevic Kankrin. Bei der Münze, die den Botschafter so fasziniert hatte und die als Ergänzung der Münzsammlung in der St. Petersburger Eremitage gedacht war, handelte es sich um einen der „Geschichtstaler“ des bayerischen König Ludwig I. (1825-1848) aus Jahre 1828. Sie zeigte auf ihrer Vorderseite das Porträt des Monarchen und auf der Rückseite die Darstellung seiner Familie (Die Ehefrau und seine acht Kinder) – der in der Umschrift genannte „Segen des Himmels“ (Abb. 1). Da sich das 10jährige Herrschaftsjubiläum des Zaren näherte, beschloss Graf Kankrin, eine ähnliche Münze in Auftrag zu geben. So entstand mit dem „Familienrubel“ nicht nur eine der großen Seltenheiten der russischen Münzgeschichte, sondern darüber hinaus auch die einzige zeitgenössische Münzprägung, die das Antlitz des Herrschers zeigte.
Finanzminister Kankrin erteilte den Auftrag für die Fertigung der Stempel an den noch jungen aber äußerst talentierten Stempelschneider Pawel Petrowitsch Utkin, der erst seit Januar als Medailleur an der St. Petersburger Münzstätte beschäftigt war. Dabei ist die gängige Bezeichnung „Familienrubel“ numismatisch eigentlich nicht ganz korrekt, da der aufgeprägte Nominalwert 1 ½ Rubel oder 10 Złoty betrug. Kursmünzen mit dem gleichen russisch-polnischen Nominal hatte Nikolaus I. bereits 1833 und 1835 in den Münzstätten von St. Petersburg und Warschau prägen lassen.
- Alexander (II.), 17. April 1818 – 1. März 1881 (Zar 1855-1881).
- Marija, 6. August 1819 – 9. Februar 1876 (verheiratet mit Maximilian Josèphe Eugène Auguste Napoléon de Beauharnais, Herzog von Leuchtenberg 1817-1852).
- Olga, 30. August 1822 – 18. Oktober 1892 (verheiratet mit König Karl I. Friedrich Alexander von Württemberg 1823-1891).
- Konstantin, 9. September 1827 – 13. Januar 1892 (Großfürst von Russland).
- Nikolaj, 27. Juli 1831 – 13. April 1891 (Großfürst von Russland).
- Michail, 13. Oktober 1832 – 5. Dezember 1909 (Großfürst von Russland).
- Aleksandra, 12. Juni 1825 – 29. Juli 1844 (verheiratet mit Landgraf Friedrich Wilhelm (II.) Georg Adolf von Hessen-Kassel-Rumpenheim 1820-1884)
Anfang Dezember 1835 legte Utkin das erste Muster vor (Abb. 2). Im Gegensatz zum bayerischen Vorbild präsentierte die russische Nachahmung nur eine sehr reduzierte Legende. Weder Name noch Titel des Monarchen waren auf der Münze zu sehen und es fehlte eine Aufschrift, die den geplanten Grund der Prägung (das 10jährige Herrschaftsjubiläum) erklärte. Stattdessen fanden sich lediglich das Prägejahr 1835 und der Nominalwert (1 ½ РУБΛЯ. – 10 ZŁOT), sowie der ausgeschriebene Name des Stempelschneiders (Р.П. УТКИНЪ) auf Vorder- und Rückseite. Darüber hinaus war die Signatur der Rückseite nicht ganz korrekt, da das grammatikalisch notwendige Härtezeichen „Ъ“ am Ende des Familiennamens fehlte.
Von diesem ersten Stempelpaar wurden 46 Exemplare geprägt, von denen wiederum nur 36 an den Finanzminister zur Vorlage beim Zaren gingen. Am 6. Dezember 1835 stellte Kankrin die Probemünzen bei Nikolaus I. vor, der zwar die Idee einer Gedenkmünze billigte, aber einige Veränderungen einforderte. Vor allem das Bild seiner 36jährigen Gemahlin gefiel dem Zaren nicht. Sie wirkte angeblich älter und erinnerte ihn außerdem zu sehr an seine Schwiegermutter.
So entwarf Utkin nach den Wünschen des Zaren ein zweites Stempelpaar (Abb. 3). Dieser, diesmal auf das Jahr 1836 datierte, Entwurf besaß vor allem Veränderungen der Rückseite: Die medaillonförmigen Kreise um die Köpfe der Familie wurden ebenso entfernt wie die (fehlerhafte) Stempelschneidersignatur. Am auffälligsten jedoch sind die Veränderungen beim Porträt der Zarin: Das Doppelkinn wurde geglättet und die Gestaltung wirkt nun insgesamt „jugendlicher“. Nikolaus I. genehmigte den überarbeiteten Entwurf und befahl am 2. Februar 1836 100 Stück prägen zu lassen. Der erste Stempel dieser Prägung wies aber bereits nach 50 Exemplaren Risse auf, weshalb ein neuer angefertigt werden musste.
Auf dem dritten Stempelpaar (Abb. 4) wurde die Signatur des Stempelschneiders auf der Vorderseite nochmals auf die Initialen П. У. (P. U. anstelle von R. P.) in kyrillischer Schrift abgekürzt und vom Rand auf den Halsabschnitt des Monarchen versetzt. In den Jahren 1836 und 1837 wurden nach dem Willen des Zaren insgesamt 150 Exemplare in drei Ansätzen mit diesen Stempeln geprägt. Es soll sogar einen Goldabschlag dieses Typs geben haben ( vgl. Bitkin 890).
Doch auch nach diesen offiziellen Emissionen im zaristischen Auftrag prägte die Münzstätte den Familienrubel noch gelegentlich zu Geschenk- und Sammlerzwecken mit den Originalstempeln als Novodel nach (Abb. 5). Im Laufe der Zeit kam es jedoch am Rande des Rückseitenstempels zu Abplatzungen, die mit Höhe der Auflagen zunahmen. Auf Bestellung von Privatpersonen wurden noch solange weitere Nachprägungen hergestellt, bis ein Teil des Randes komplett abfiel. Bei den letzten Exemplaren dieser vierten Gruppe ist die entsprechende Randstelle der Münze grob ausgebessert worden.
Da die Bestellungen von Nachprägungen der Familienrubel nicht nachließen und 1847 in der Münzstätte keine brauchbaren Stempel für eine Fortsetzung der Prägung mehr vorhanden waren, wurde schließlich ein viertes Stempelpaar angefertigt (Abb. 6). Auffällig ist, dass bei diesem Entwurf die Signatur des Stempelschneiders vollständig fehlt. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Utkin in seinen letzten Lebensjahren an einer Augenkrankheit litt und die Stempel nicht mehr selbst herstellen konnte. Sie wurden von einem anderen Medailleur (möglicherweise einem seiner Schüler) angefertigt, der vielleicht aus Respekt vor seinem Meister auf eine Signatur verzichtete.
Noch im gleichen Jahr 1847 wurde auf Bitten mehrerer einflussreicher russischer Numismatiker die Ausgabe von Nachprägungen aus der St. Petersburger Münzstätte stark eingeschränkt. So existieren von diesem letzten Stempelpaar nur einige äußerst seltene Abschläge. Der letzte Familienrubel dieses fünften Typs wurde vor 80 Jahren in der Auktion Hess 204 „Dubletten russischer Museen“ (Frankfurt a. M. 1931), unter der Nr. 979 versteigert. Ein vollständiger Satz aller fünf Familienrubel-Varianten kam bis heute noch nie unter den Hammer. Letztlich blieb es bei der Ausfertigung einiger weniger Probeexemplare der Familienrubel zu Geschenk- und Sammlerzwecken. So sind diese überaus seltenen Münzen bis heute die einzigen Gepräge des Zaren, die abseits der Medaillen sein Porträt zeigen. Auf allen anderen Kursmünzen ist lediglich sein Namensmonogramm (ein gekröntes „N“ über der römischen Ziffer „I“) und / oder der russische Adler zu sehen. Nicht zuletzt deswegen gehören sie zu den gesuchten Seltenheiten der russischen Numismatik.