Das Leben der Deutschen veränderte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts radikal. Der Wandel erzeugte Gewinner und Verlierer. Medaillen wie Los 150 sind aus dem Blickwinkel der Gewinner zu verstehen.
Die industrielle Revolution
Für unternehmerisch denkende Menschen bot die Industrialisierung nie gesehene Möglichkeiten. Geschickte Ingenieure, tüchtige Unternehmer konnten Vermögen verdienen, die sie an die Spitze der Gesellschaft katapultierten. Moralische Bedenken kannten sie dabei nicht. Die Theorien von Adam Smith, die sich in Deutschland seit 1800 verbreiteten, gaben ihnen die theoretische Grundlage, die Ausbeutung der Arbeiter zu rechtfertigen.
Inszenierungen des Fortschritts
Zu Schaufenstern des Fortschritts - erst regionalen, dann internationalen - entwickelten sich die Gewerbe- und Industrieausstellungen. Bereits ein knappes Jahrzehnt vor der Great Exhibition in London fand 1842 im hessischen Mainz die „Erste Deutsche Industrieausstellung“ mit 75.000 Besuchern statt.
Das inspirierte die preußische Regierung im Jahr 1844 zur „Allgemeinen Deutschen Gewerbe-Ausstellung“, die mehr als 3.040 Aussteller und 260.000 Besucher aus dem In- und Ausland ins Berliner Zeughaus lockte. Zum Vergleich: 1843 lebten 349.808 Personen in Berlin.
Die Veranstaltung bot den Schaulustigen großartige Attraktionen wie ein Alpen- und ein Nordpolpanorama (mit lebenden Eisbären und Eskimos, wie damals indigene Bewohner Grönlands genannt wurden) oder die Fahrt im ultramodernen Luftkarussell.
Wichtiger war ein anderer Aspekt: Unternehmer informierten sich hier über die neuesten Maschinen, die in ganz Deutschland entwickelt worden waren. Dazu reisten Fachkommissionen der Gewerbevereine aus ganz Deutschland an. Wer nicht kommen konnte, kaufte den vierbändigen „Amtlichen Bericht über die allgemeine Deutsche Gewerbe-Ausstellung zu Berlin im Jahre 1844“. Dessen Gliederung orientiert sich an der Ausstellung selbst, die sich auch in unserer Medaille spiegelt:
• Textilindustrie mit einem automatischen Webstuhl
• Schifffahrt mit dem Raddampfer Alexandria der Seehandlungs-Maschinen-Bauanstalt und Gießerei in Moabit
• Bergbau mit Hammerwerken und einem Schmelzofen
• Chemie und technisches Gerät
• Landwirtschaft mit landwirtschaftlichem Gerät
Zentral abgebildet ist die Hauptattraktion, die „Beuth“, eine Lokomotive von Borsig, die zum Stolz aller Deutschen ein Wettrennen gegen ein von George Stephenson entwickeltes Modell mit 10 Minuten Vorsprung gewonnen hatte.
Eine private Medaille
Die Medaille (Los 150) ist keine Preismedaille, sondern eine private Souvenirmedaille, die die „Berliner Medaillen-Prägeanstalt Loos“ anlässlich der Veranstaltung herausbrachte. Sie funktionierte nach marktwirtschaftlichen Kriterien; ihre Darstellungen richteten sich also nach den Vorlieben potentieller Käufer.
Neue Grenzen, neue Gesetze, nationale Gefühle
Umso bemerkenswerter ist, dass auf der Vorderseite keine Personifikation Preußens, sondern Deutschlands abgebildet ist. Das war weniger politisches Statement als ein Verkaufsargument, denn mit Preußen konnten sich viele nicht identifizieren.
Mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 hatten knapp 5 Millionen Einwohner - weit mehr als 15% der deutschen Gesamtbevölkerung - ihre Staatszugehörigkeit gewechselt. Der Wiener Kongress zog die Grenzen noch einmal neu. Diesmal erhielten mehr als 4 Millionen Menschen eine neue Obrigkeit und mussten sich an neue Gesetze, neue Steuern, neue Beamte und neue Organisationsstrukturen gewöhnen.
Besonders betroffen war Preußen: Jeder zweite Bürger war erst seit 1815 ein Preuße. Germania war deshalb unverfänglicher. Mit ihr konnten sich alle identifizieren, die die Ausstellung besuchten.
Keine königliche Beteiligung?
Die Ausstellung wurde vom preußischen Finanzminister eröffnet. Eine königliche Beteiligung scheint es nicht gegeben zu haben. Dennoch beobachtete man im Palast genau, was angeboten wurde. So wissen wir, dass Friedrich Wilhelm IV. am 5. November 1849 den Raddampfer Alexandria erwarb, der erstmals im Rahmen der Gewerbeausstellung zu sehen gewesen war und der auf dieser Medaille im obersten Feld abgebildet ist.
Etwas fehlt
Keine Rolle spielen auf der Medaille die Folgen der Industrialisierung. Das Elend, das die Umverteilung der Arbeit für viele mit sich brachte, hatte keinen Platz in den Industrie- und Gewerbeausstellungen des 19. Jahrhunderts.