Seit 1707 gehörte Neuchâtel zu Preußen. Seine Könige regierten das Fürstentum in Personalunion. Die territoriale Entfernung sorgte dafür, dass es für die lokalen Verwalter und Statthalter einfach war, zwischen den Interessen des in Berlin residierenden Souveräns und den Bürgern Neuchâtels zu vermitteln. Als Napoleon König Friedrich Wilhelm III. zum Thronverzicht im Fürstentum zwang, stellte das für die Einwohner Neuenburgs eine deutliche Verschlechterung ihrer politischen und wirtschaftlichen Situation dar.
Soldaten für Napoleon
Obwohl Neuchâtel nicht in Frankreich eingegliedert wurde, sondern mit Louis-Alexandre Berthier einen eigenen Fürsten erhielt, musste das Land wesentlich mehr Steuern und Soldaten an Frankreich abführen. Neuchâtel stellte sechs Kompanien, die wegen ihrer gelben Uniform als „Kanarienvögel“ (= Canaris) bekannt wurden. Sie fochten zwischen 1806 und 1813 auf fast allen Kriegsschauplätzen. Viele starben, immer wieder wurde rekrutiert. Man hat berechnet, dass insgesamt 2.000 Männer als Canaris kämpfen. Bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von ca. 25.000 bis 28.000 Einwohner entspricht das 30 Prozent aller jungen Männer des Landes. 1814 sollen nur 46 von ihnen nach Hause zurückgekehrt sein. Daraus lässt sich eine Sterberate von 96 Prozent errechnen.
Ein königlicher Besuch nach dem Sieg von Paris
Man mag sich die Gefühle der Bürger von Neuchâtel vorstellen, als sie erfuhren, dass die Alliierten bei Paris gesiegt hatten und Frieden zu erwarten war. Man begreift, warum sie der Hohenzollerndynastie nun plötzlich ganz andere Gefühle entgegenbrachten. Dies erlebte Friedrich Wilhelm III., als er gemeinsam mit Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.) während der Heimreise von Paris dem Fürstentum Neuchâtel einen Besuch abstattete. Am 12. Juli 1814 zog er feierlich in die Hauptstadt ein. Es war der erste Besuch eines preußischen Monarchen in diesem weit entfernten Teil des Königreichs. Friedrich Wilhelm blieb einige Tage. Neben offiziellen Empfängen, stand wie bei solchen Besuchen üblich, der Besuch einheimischer Manufakturen und Künstler auf dem Programm. Bei einem Besuch der Stadt La Chaux-de-Fond verehrte eine Delegation der dortigen Künstler Friedrich Wilhelm III. ein ganz besonderes Geschenk als Ausdruck ihrer Dankbarkeit.
Die Uhrenindustrie in La-Chaux-de-Fonds und ihr Geschenk für den König
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich La Chauxde-Fonds zu einem Zentrum der Uhrmacherindustrie entwickelt. Sie bot jüngeren Söhnen von Handwerkern und Bauern, die kein Auskommen im väterlichen Haushalt fanden und künstlerisches Geschick besaßen, eine gut bezahlte Alternative. Doch die Uhrenindustrie litt besonders schwer unter Napoleon: Viele Graveure, Werkbauer und Emailleure mussten unter die Soldaten. Dazu brach der so wichtige britische Markt wegen der Kontinentalsperre weg.
Die Uhrmacher von La Chaux-de-Fond nutzten also den Besuch Friedrich Wilhelms III., um ihre Dankbarkeit für das Ende des Krieges, das wesentlich Preußen zu verdanken war, in dem Geschenk zum Ausdruck zu bringen. Es wird in unserer Auktion unter Los 100 angeboten. Sie schufen eine Art Medaille mit den Techniken, die ihnen als Uhrmachern zur Verfügung standen. Sie gravierten, bedienten sich der Guillochierung für die feinen Strukturen im Feld und arbeiteten mit Metallauflagen. Auf der Rückseite verewigten sich die Schenkenden: „Dem König, die Künstler von Chaux-de-Fonds 1814.“
Bei diesem Stück handelt es sich um eine sehr außergewöhnliche Medaille, die noch dazu nur in einem einzigen Exemplar existiert. Sie befand sich 1840 im Nachlass Friedrich Wilhelms III. in seiner Wohnung in Schloss Charlottenburg. Zusammen mit anderen Erinnerungsobjekten an den Feldzug von 1814 bewahrte er die Medaille im Schreibtisch seines Blauen Zimmers auf. Das bedeutet nicht, dass nicht ein ähnliches Stück existieren würde. 1819 besuchte der König mit seinen ältesten Söhnen abermals Neuchâtel. An den Besuch erinnert im Musée d‘art et d‘histoire ein Service der Königlichen Porzellanmanufaktur (KPM), das Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.) als Geschenk mitbrachte. Auch er erhielt Geschenke, unter anderem eine weitere von den Uhrmachern aus La Chaux-de-Fonds hergestellte Medaille, die bei Gunter Mues und Manfred Olding, Die Medaillen der preussischen Könige von 1786 bis 1870, Band III (2022), S. 32 abgebildet ist.
Die beiden Medaillen von 1814 und 1819 haben für die Geschichte von Neuchâtel größte historische Bedeutung und illustrieren auf eindrucksvolle Art und Weise, wie froh viele Menschen in Europa über das Ende der napoleonischen Kriege waren.