Wenn wir Geschichte rekonstruieren wollen, besteht das zentrale Problem darin, dass wir ihren Ausgang kennen. Deshalb beobachten wir vor allem die Kräfte, denen die jeweilige Epoche die Hauptrolle zugeteilt hat. Das führt häufig zur Überschätzung oder Fehlinterpretation der Bedeutung von Persönlichkeiten oder gesellschaftlichen Entwicklungen aus der Perspektive nachgeborener Generationen. Ein wichtiges Beispiel dafür sind die radikalen Demokraten des Jahres 1848.
Die Akteure
Am extremsten verhielten sich die Radikalen. Ihre Antwort auf den industriellen Wandel und die gesellschaftlichen Probleme war es, alle Ungerechtigkeiten durch eine Neuverteilung des Besitzes und aller Privilegien zu beseitigen. Diese Position wurde nur von einem winzigen Teil der Bevölkerung geteilt. Viele forderten dagegen eine Mitbestimmung an den Gesetzen eines Staates, den sie mit ihren Steuern finanzierten. Wir würden diese große Gruppe als „Liberale“ bezeichnen. Ihre Zahl wurde nur übertroffen durch die schweigende Masse der Konservativen, die alten Werten nachtrauerten und glaubten, eine Rückbesinnung auf alte Zeiten könne Napoleon und die Ideen der Französischen Revolution ungeschehen machen. Vertreter aller drei Gruppen wollten das Beste für ihr Land, auch wenn sie sich nicht einig waren, was das Beste war.
Identifikationsgestalt der Konservativen
Prinz Wilhelm von Preußen, fühlte sich seit seinem Eintritt ins Heer im Alter von 10 Jahren eng dem Militär verbunden. Seine Kameraden boten ihm eine geistige Heimat. Wilhelm dankte es ihnen mit unverbrüchlicher Treue und die Übernahme ihrer Ideale: Keine Bevölkerungsgruppe war konservativer als das vom Adel dominierte Heer. Wilhelms erzkonservative Haltung stieß in Preußen und bei den Verbündeten durchaus auf breite Zustimmung.
Im März 1848 hatte er auf Demonstranten schießen lassen und zog daher als „Kartätschenprinz“ den Zorn der Öffentlichkeit auf sich. Wilhelm, der sich auf der Pfaueninsel in der Havel versteckt hielt, musste auf dem Höhepunkt der Revolution nach Großbritannien ins Exil. Friedrich Wilhelm IV. hatte Königin Victoria gebeten, seinen Bruder bis zur Beruhigung der Lage, in England aufzunehmen.
Sündenbock der Radikalen
Doch als Wilhelm nach der Thronbesteigung seines kinderlosen Bruders Friedrich Wilhelm IV. zum Thronfolger avancierte, rückte er ins Licht der Öffentlichkeit. Seine zum Teil sehr undiplomatischen Äußerungen empörten Radikale und Liberale gleichermaßen. Wilhelm wurde zur Hassgestalt der Revolutionäre, vor allem als ihn sein Bruder zum Militärgouverneur am Rhein und in Westphalen ernannte.
Um Schlimmes zu verhüten, sandte ihn sein königlicher Bruder auf dem Höhepunkt der Revolution nach Großbritannien.
Hoffnungsträger der Nationalen
Im Bündnis gegen die radikalen Kräfte
Auf dieser Basis konnten sich liberale und konservative Kräfte mit Wilhelm arrangieren. Denn die schweigende Mehrheit des bürgerlichen Deutschlands hatte genug von Revolutionen. Sie forderten geregelte Verhältnisse. Nur so wird die durchaus provokante Rückseite der Medaille auf diese Ereignisse (Los 158) verständlich. Sie ordnet die Niederschlagung der Revolution in der Pfalz und in Baden des Jahres 1849 in ein göttliches Heilsgeschehen ein. Wilhelm war von Friedrich Wilhelm IV. zum Oberbefehlshaber der Operationsarmee ernannt worden. Das Motiv assoziiert ihn mit dem Erzengel Michael, der den Schlüssel zum Paradies hält und einen sich heftig sträubenden Drachen (die Revolution) als Sinnbild des Teufels an die Kette legt.
Keine Abbildung zeigt deutlicher, wie gespalten die Gesellschaft im Deutschland des Jahres 1849 war. Wilhelm erlebte dies wiederholt am eigenen Leibe: Fünf Attentate wurden zwischen 1849 und 1871 auf ihn verübt.