Es erscheint bemerkenswert, in welchem Maße sich die Persönlichkeitsprofile zweier nahezu gleichaltriger Personen, die unter der Anleitung derselben Erzieher und innerhalb vergleichbarer Rahmenbedingungen aufwuchsen, aufgrund ihrer unterschiedlichen Dispositionen divergierend entwickelten. Während sich Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.) zu einem ästhetisch gebildeten, genussaffinen Romantiker entwickelte, dem militärische Belange fernlagen, hatte sein zwei Jahre jüngerer Bruder Wilhelm (I.) bereits früh ein Interesse an allem Soldatischen und Militärischen entwickelt. Diese Interessen blieben zeitlebens von zentraler Bedeutung (vgl. Wolfram Siemann).
Gleichzeitig ist jedoch festzustellen, dass gemeinsame Erfahrungen auch vergleichbare Prägungen hervorriefen. Wie im Falle Friedrich Wilhelms, ermöglicht die vergleichsweise dichte Quellenlage bei Kaiser Wilhelm I. eine differenzierte Rekonstruktion der charakterlichen Entwicklung des künftigen Kaisers.
Wilhelm Friedrich Ludwig, Prinz von Preußen, wurde am 22. März 1797 im Kronprinzenpalais in Berlin als zweiter Sohn des preußischen Kronprinzenpaares geboren. In den ersten Lebensjahren (ca. 1797 bis 1798/99) lebte er im Wechsel zwischen dem Kronprinzenpalais, dem Schloss Charlottenburg sowie den Potsdamer Residenzen. Die Familie pflegte dabei einen familiären, nahezu bürgerlich geprägten Lebensstil, der nur wenig von höfischen Konventionen bestimmt war. Die frühe Erziehung erfolgte im unmittelbaren Umfeld der Eltern unter Betreuung durch Kinderfrauen; in dieser Phase entwickelte sich – wie auch bei seinem älteren Bruder Friedrich Wilhelm – eine sehr enge Bindung an die gemeinsame Mutter – Königin Luise. Mehr noch als sein älterer Bruder verehrte er seine Mutter ein Leben lang.
Bildunterschriften v.l.n.r.
Henriette Félicité Tassaert nach Johann Friedrich August Tischbein: Kronprinzessin Luise von Preußen, Pastell 1796.
Henriette Félicité Tassaert nach Johann Friedrich August Tischbein: Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, Pastell 1796.
Um 1798/99 wurden für Prinz Wilhelm und seinen älteren Bruder formal getrennte Hofstaaten eingerichtet, die jedoch als gemeinsamer Haushalt geführt wurden. Wilhelm wurde von denselben Lehrern wie sein älterer Bruder unterrichtet, hatte aber im Unterschied zu diesem, nicht dessen schnelle Auffassungsgabe. Dagegen brillierte Wilhelm in allen körperlichen Übungen.
Der Krieg gegen Frankreich, der Untergang der preußischen Armee bei Jena im Oktober 1806 und die anschließende Flucht nach Preußen, die erst nahe der russischen Grenze in Memel endete, hinterließen bei dem Jungen einen tiefen, ja traumatischen Eindruck.
In Memel schlossen der Kronprinz und Prinz Wilhelm eine lebenslange Freundschaft mit Friedrich Wilhelm August Argelander (1799-1875), der später ein bedeutender Astronom werden sollte.
Nach der Rückkehr aus Ostpreußen 1809 erhielten die beiden Prinzen einen neuen Erzieher, den Theologen und Philosoph Jean Pierre Frédéric Ancillon, der zu ihrem Gouverneur und Oberhofmeister ernannt wurde. Während die religiöse Erziehung bei Friedrich Wilhelm verfing, stieß sie bei Prinz Wilhelm auf nur wenig Resonanz.
Da sein Vater für Prinz Wilhelm eine militärische Laufbahn vorsah, wurde er am 22. März 1807, seinem zehnten Geburtstag, zum Fähnrich ernannt. Nach Einschätzung seiner Mutter war der häufig kränkelnde Prinz den Anforderungen des militärischen Diensts zunächst nicht gewachsen.
Der Tod der Mutter, der populären Königin Luise am 19. Juli 1810, war für den sensiblen Jungen ein traumatisches Erlebnis. Seine Tante, Prinzessin Marianne von Preußen (1785-1846), wurde nach dem Tod der Mutter zu seiner wichtigsten weiblichen Bezugsperson.
Nach dem katastrophalen Ausgang von Napoleons Russlandfeldzug im Jahr 1812 begann Preußen, das seit dem Frieden von Tilsit vom 7. Juli 1807 und seit dem Allianz- und Subsidienvertrag vom 24. Februar 1812 an Frankreich gebunden war, sich schrittweise von diesem Bündnis zu lösen. Anfang 1813 bildete sich eine russischpreußische Koalition, der sich bald auch Großbritannien und Österreich anschlossen.
Im Winter 1813/1814 entsprach Friedrich Wilhelm III. dem Wunsch seines nahezu siebzehnjährigen Sohnes, ebenfalls ins Feld ziehen zu dürfen. Wilhelm nahm jedoch aus relativer Distanz an den Kampfhandlungen teil, um militärische Erfahrungen zu sammeln. Am 27. Februar 1814 nahm er gemeinsam mit seinem Vater an der Schlacht bei Bar-sur-Aube in der Champagne teil, wobei beide unter französisches Gewehrfeuer gerieten, jedoch unverletzt blieben.
Für seine vermeintliche Tapferkeit erhielt Wilhelm am 5. März 1814 den russischen St. Georgs-Orden IV. Klasse sowie am 10. März 1814 das preußische Eiserne Kreuz II. Klasse. Er selbst sah diese Auszeichnungen jedoch eher seiner Stellung geschuldet denn als persönlichen Verdienst. Am 30. Oktober 1814 wurde er schließlich zum Sekondeleutenant befördert.
Diese Erfahrungen hinterließen bei Prinz Wilhelm nachhaltige Eindrücke. Sowohl die preußische Niederlage von 1806/1807 als auch seine Teilnahme an den Befreiungskriegen wirkten hierbei entscheidend. Soldat zu sein bedeutete für Wilhelm vor allem Treue gegenüber Gott, König und Vaterland. Bereits als Sechzehnjähriger zeigte er ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, eine ernsthafte Auffassung seines Amts als Offizier sowie ein hohes Maß an persönlicher Disziplin. Der Dienst erschien ihm als sittliche Verpflichtung und nicht als Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Zeitgenössische Berichte betonen seine Anspruchslosigkeit im Quartier, seine Ausdauer bei Märschen sowie seine Bereitschaft, die Bedingungen des Feldlebens vorbehaltlos zu akzeptieren.
Während des Feldzugs von 1814 wurde sein ruhiges Verhalten, ohne Übermut oder panische Reaktionen beobachtet. Er suchte keine exponierte Heldenrolle, zeigte jedoch Standhaftigkeit und Selbstbeherrschung – Eigenschaften, die ihn von impulsiveren Offizieren unterschieden und sein weiteres Leben prägen sollten. Im Unterschied zu anderen Prinzen akzeptierte er die militärische Hierarchie uneingeschränkt und respektierte erfahrene Generäle. Sein Interesse galt dem Lernen, nicht der Einflussnahme. Schon früh zeigte sich seine enge Verbundenheit mit der traditionellen Ordnung sowie eine Skepsis gegenüber weitreichenden Reformideen. Diese Haltung gründete sowohl in seinen frühen Begegnungen mit den von der Revolution geprägten französischen Soldaten als auch in seinen Eindrücken in Russland, das er 1826 kurz nach dem Dekabristenaufstand besuchte.
Bereits in jungen Jahren verkörperte er den Typus des altpreußischen Linienoffiziers mit ausgeprägtem monarchischem Verantwortungsbewusstsein. Eng mit seiner militärischen Prägung verbunden war Wilhelms Religiosität. Als altpreußischer Pflichtprotestant verstand er Religion weniger als Ausdruck individueller Innerlichkeit sondern als Grundlage von Gottesfurcht, Verantwortung und staatsbezogener Moral. In calvinistischer Tradition war er zudem von der Vorstellung der Prädestination geprägt, die er als Gottes ewigen Ratschluss beziehungsweise Ausdruck der göttlichen Vorsehung interpretierte; entsprechend war er überzeugt, dass Gott aktiv in den Gang der Geschichte eingreife.
Bildunterschriften v.l.n.r.
Wilhelm von Schadow: Prinzessin Marianne von Preußen in altdeutscher Tracht, Gemälde 1812.
Carl von Steuben: Prinz Wilhelm von Preußen mit der Alliertenbinde, Gemälde 1814.
Franz Krüger: Wilhelm I. als Prinz von Preußen, Gemälde 1858.
Wilhelm war weder Mystiker noch theologischer Denker und schon gar kein kirchlicher Reformer. Dem von Friedrich Wilhelm III. 1817 eingeleiteten Zusammenschluss der lutherischen und reformierten Kirche zur Evangelischen Kirche in Preußen stand er grundsätzlich zustimmend und loyal gegenüber. Er verstand diesen Schritt als Akt staatlicher Kirchenordnung und nicht als theologische Reform, die er als loyaler Untertan unterstützte. Auch den späteren Veränderungen in Kirchen-, Hof-, Liturgie und Abendmahlsordnung stand er grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, blieb jedoch in seiner persönlichen Frömmigkeit weiterhin der calvinistischen Prägung verpflichtet.
Auch in kirchenpolitischen Fragen argumentierte Wilhelm nur selten theologisch. Im Kontext des sogenannten Kulturkampfes äußerte er sich zurückhaltender als Reichskanzler Otto von Bismarck. Seine Positionen waren überwiegend staatsrechtlich geprägt. Den universalistischen Anspruch Papst Pius IX. (1792–1878) deutete er in erster Linie als politische Herausforderung an die staatliche Autorität. In diesem Zusammenhang formulierte er das Credo, „dass er keine Gewalt über ihm anerkenne als Gott. Er sei durch Gottes Gnade König von Preußen und der Papst mag in geistlichen Dingen herrschen, in Preußen herrsche ich.“ Zugleich äußerte er die Sorge, eine zu starke Bindung an Rom könne die staatliche Loyalität der Untertanen untergraben: „Ich werde niemals dulden, dass Untertanen in ihrem Gewissen dem Staat entfremdet werden.“
Nach den Attentaten von 1878 mäßigte er seine Haltung gegenüber der katholischen Kirche. Er erklärte nun, dass er keinen Religionskrieg wolle. Diese veränderte Position trug indirekt zur späteren Annäherung an Papst Leo XIII. (1810–1903) bei.
Bildunterschriften v.l.n.r.
Adolphe Braun: Papst Pius IX., Fotografie 1875.
Adolphe Braun: Papst Leo XIII., Fotografie 1878.
Wilhelms persönliche Frömmigkeit beeinflusste seinen gesamten Lebensstil deutlich, insbesondere auch seine Alltagsführung und Ernährungsgewohnheiten. Zeitgenössische Beschreibungen charakterisieren ihn als maßvoll, obwohl er eine exquisite Küche schätzte und an seinem Hof französische Köche bevorzugte. Er galt als großer Frauenverehrer, galt als Kavalier des 19. Jahrhunderts und stand einem zwar nicht überbordenden, jedoch außerordentlich elegantem Hof vor.
Sein Pflichtbewusstsein spiegelte sich in einem streng geregelten Tagesablauf wider. Er stand in der Regel gegen 6.30 Uhr auf, nahm ein einfaches Frühstück ein und widmete sich anschließend mehrere Stunden der Militärkorrespondenz sowie dem Studium von Akten, die er mit eigenhändigen Marginalien (etwa „Einverstanden“, „Vortrag erbeten“, „Mit Gottes Hilfe“, „So Gott will“, „Gott schütze Preußen“ oder „Mit Gott für König und Vaterland“) versah. Es folgten Audienzen, die in der Regel stehend vorgenommen wurden.
Das Diner fand gewöhnlich um 13.00 Uhr nach den Regeln des Hofzeremoniells mit fester Sitzordnung statt. Der Kaiser aß nur wenig. Während der Mahlzeiten sprach er wenig und vermied längere politische Diskussionen. Der Nachmittag war häufig Spaziergängen oder Ausritten vorbehalten, bevor erneut Audienzen und Aktenstudium folgten. Gegen 19.00 Uhr nahm er an gesellschaftlichen Zusammenkünften teil oder empfing Gäste im kleineren Kreis. Er schätzte insbesondere Märsche und Militärmusik und zeigte nur geringes Interesse an der Oper. Gegen 22.00 Uhr zog er sich in der Regel zurück. Insgesamt maß er der Regelmäßigkeit seines Tagesablaufs deutlich größere Bedeutung bei als repräsentativem gesellschaftlichem Glanz. Diese ausgeprägte Disziplin bewahrte er bis ins hohe Alter. Noch jenseits des 85. Lebensjahres widmete er sich täglich intensiv der Aktenarbeit.
Bildunterschriften v.l.n.r.
Unbekannter Künstler nach Franz Xaver Winterhalter: König Wilhelm I. in der Galauniform des Regiments Garde du Corps, Gemälde um 1861.
Paul Bülow: Wilhelm I. in seinem Arbeitszimmer, Gemälde 1883.
Kurz vor Wilhelms Tod am 9. März 1888 kam es zu der letzten Begegnung zwischen ihm und Bismarck in seinem Schlafzimmer im Alten Palais Unter den Linden in Berlin. Im Verlauf dieser Begegnung soll der Kaiser zu Bismarck gesagt haben: Es war nicht immer leicht, unter Ihnen Kaiser zu sein. Diese Äußerung ist erstmals vom Reichstagsabgeordneten Ludwig Bamberger (1823-1899) im Jahre 1899, also über zehn Jahre nach Wilhelms Tod kolportiert worden. Um mit Giordano Bruno (1548- 1600) zu sprechen: „Se non è vero, è ben trovato!“, was zu deutsch bedeutet: „Wenn es auch nicht wahr ist, so ist es gut erfunden“.
Wilhelm I. blieb zeitlebens ein calvinistisch geprägter, gläubiger Soldat – fest verwurzelt im Gottesgnadentum und überzeugt davon, dass göttliche Vorsehung und menschliche Geschichte untrennbar miteinander verbunden seien.
Bildunterschrift
Anton von Werner: Kaiser Wilhelm I. auf dem Sterbebett, am 9. März 1888, Gemälde 1898.
Literatur:
- Bismarck, Otto von: Gedanken und Erinnerungen. Essen 1990.
- Fischer, Robert-Tarek Fischer: Wilhelm I. Vom preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser. Köln 2020.
- Herre, Franz: Kaiser Wilhelm I. Der letzte Preuße. Köln 1980. Markert, Jan: Der verkannte Monarch. Wilhelm I. und die Herausforderungen wissenschaftlicher Biographik. In: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte. Neue Folge 31 (2021), S. 231–244.
- Markert, Jan: Ein System von Bismarcks Gnaden? Kaiser Wilhelm I. und seine Umgebung – Plädoyer für eine Neubewertung monarchischer Herrschaft in Preußen und Deutschland vor 1888. In: Pyta, Wolfram, und Voigt, Rüdiger (Hrsg.): Zugang zum Machthaber (Staatsverständnisse 171). Baden-Baden 2022, S. 127–156.
- Markert, Jan: Wilhelm I.: Vom „Kartätschenprinz“ zum Reichsgründer. Berlin 2024. (Schneider, Louis:) Erdient und Verdient! - Die Orden, militärischen Ehrenzeichen und Kriegs-Denkmünzen Seiner Majestät des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen Wilhelm I. Berlin 1875.
- Schulze-Wegener, Guntram: Wilhelm I. Deutscher Kaiser, König von Preußen, Nationaler Mythos. Hamburg und Bonn 2015.
- Siemann, Wolfram: Gesellschaft im Aufbruch. Deutschland 1849 – 1871. Frankfurt am Main 1990.
- Walter, Dierk: Der Berufssoldat auf dem Thron. Wilhelm I. (1797–1888). In: Walter, Dierk, Förster, Stig und Pöhlmann, Markus (Hrsg.): Kriegsherren der Weltgeschichte. 22 historische Porträts. München 2006, S. 217–233.
- Weber, Rita: Wilhelm I. Nicht zum König geboren. Nicht zum König erzogen. In: Weinland, Martina (Hrsg.): Im Dienste Preußens. Wer erzog Prinzen zu Königen? Berlin 2001.
- Verschiedene Seiten von de.wikipedia en.wikipedia und fr.wikipedia.