Historische Persönlichkeiten
Wilhelm II. Deutscher Kaiser und König von Preußen

Wilhelm II. Deutscher Kaiser und König von Preußen (1859-1941/1888-1918)

Michael Autengruber

Friedrich Wilhelm Viktor Albert, Prinz von Preußen, wurde am 27. Januar 1859 im Berliner Kronprinzenpalais als ältester Sohn des späteren Kaisers Friedrichs III. und seiner Frau Prinzessin Victoria von Großbritannien und Irland, geboren.

Die komplizierte Steißgeburt des Prinzen machte das Eingreifen von Professor Dr. Eduard Arnold Martin (1809–1875) sowie Notmaßnahmen unter Einsatz von Chloroform notwendig. Als Folge traten eine Lähmung des linken Arms und ein Schiefhals auf. Die Ursachen dafür wurden bereits zeitgenössisch kontrovers bewertet.

Zunächst wurde Wilhelm in der evangelisch-unierten Religion unterwiesen und erhielt Unterricht in Lesen und Schreiben, Französisch, Geschichte und Geographie, Musik und Zeichnen. Die Erziehung übernahm 1866 bis zu Wilhelms Volljährigkeit 1877 weitgehend der reformierte Pädagoge Dr. Georg Ernst Hinzpeter (1827–1907) mit streng autoritärem Konzept, das jedoch als wenig erfolgreich galt und die Persönlichkeit des Thronfolgers nachhaltig prägte. Er unterhielt Unterricht in Religion, Deutsch, Französisch, Englisch und Latein, in Geschichte, Mathematik und Physik, in Staats- und Verfassungslehre. Ab 1874 besuchte er das Fridericianum (das heutige Friedrichsgymnasium) in Kassel, wo er am 20. Januar 1877 sein Abitur bestand.

Bildunterschrift

Arthur von Ferraris: Kaiser Wilhelm II. in der Galauniform der kgl. ungarischen Generäle, Gemälde 1898.

Unter verschiedenen Offizieren wurde Prinz Wilhelm umfangreich in den theoretischen wie auch praktischen militärischen Fächern unterrichtet. Am 27. Januar 1877, dem Tag seines 18. Geburtstags, wurde er zum Sekondelieutenant im 1. Garderegiment zu Fuß ernannt, wo er am 9. Februar in der 6. Kompanie unter dem Hauptmann Ernst Karl Gustav von Petersdorff (1841–1903) seinen effektiven Militärdienst antrat.

Am 27. April 1881 heiratete er in Berlin Prinzessin Auguste Viktoria zu Schleswig–Holstein-Sonderburg-Augustenburg (1858–1921), mit der er seit 1880 verlobt war. Mit ihr hatte er sechs überlebende Söhne, darunter Kronprinz Wilhelm (1882–1951), die Prinzen Eitel Friedrich (1883–1942), Adalbert (1884–1948), August Wilhelm (1847–1949), Oskar (1888–1858) und Joachim (1890–1920) sowie die Tochter Prinzessin Viktoria Luise (1892–1980), ab 1913 die letzte Herzogin von Braunschweig.

Bis 1888 war der Prinz verschiedenen Garde-Einheiten zugeteilt, zuletzt als Kommandeur einer Brigade; seine schnelle militärische Karriere wurde durch wiederholte Beurlaubungen zur Ausbildung in der Verwaltung ergänzt, blieb jedoch angesichts der politischen Lage fragmentarisch. Die Regierungsstruktur war weiterhin maßgeblich durch den preußischen Ministerpräsidenten und Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck (1815–1898) geprägt, der die zentrale politische Steuerung innehatte und auch unter dem neuen Kaiser seinen Einfluss zu behaupten versuchte.

Nach dem Tod seines Vaters Kaiser Friedrichs III. am 15. Juni 1888 bestieg Wilhelm II. im Alter von nur 29 Jahren den deutsch-preußischen Thron. 

Seine dreißigjährige Herrschaft war durch den Anspruch geprägt, das Deutsche Reich als Großmacht zu etablieren. Dies ging mit militärischer Aufrüstung, expansiver Kolonialpolitik und einer zunehmend konfrontativen Außenpolitik, besonders gegen das Britische Empire, einher, wobei Fehleinschätzungen und inkohärente Entscheidungen zur internationalen Isolation beitrugen. Zugleich führte die demonstrative Militärorientierung zu einer tiefen gesellschaftlichen Verankerung militaristischer Normen, in denen Rang und Militärdienst zentrale soziale Aufstiegskriterien bildeten. 

Der wirtschaftliche und technologische Aufschwung begünstigte eine ausgeprägte Fortschrittsgläubigkeit. Sozialpolitisch knüpfte Wilhelm II. an Reformen Bismarcks an, ohne jedoch strukturelle Veränderungen oder eine Demokratisierung durchzusetzen; die monarchische Entscheidungsgewalt blieb dominant. Sein persönliches Regiment erwies sich dabei als inkonsistent und stark von wechselnden Einflüssen abhängig.

Innenpolitisch verhinderten strukturelle Defizite des politischen Systems sowie Konflikte zwischen den Parteien stabile Regierungsverhältnisse. Sozialpolitische Initiativen blieben nur begrenzt wirksam und konnten weder die politische Integration der Arbeiterschaft noch den Aufstieg der Sozialdemokratie aufhalten. Insgesamt erscheint Wilhelms Herrschaft gekennzeichnet durch Modernisierungsschübe bei gleichzeitiger politischer Rückständigkeit, institutioneller Schwäche und außenpolitischer Fehlsteuerung.

In der Julikrise 1914 agierte Wilhelm II. widersprüchlich: Zwar bemühte er sich durch persönliche Diplomatie um Deeskalation, förderte jedoch zugleich die Eskalation, indem er der österreichisch-ungarischen Politik faktisch Rückendeckung gewährte. Diese Politik beschleunigte die Zuspitzung der Krise und trug wesentlich zum Kriegsausbruch bei. Strategische Fehleinschätzungen, insbesondere hinsichtlich Russlands und des Panslawismus, verstärkten die Dynamik.

Mit Kriegsbeginn verlagerte sich die Entscheidungsgewalt rasch auf die militärische Führung; politische Steuerung wurde zugunsten operativer Logik aufgegeben. Öffentliche Stellungnahmen Wilhelms dienten vor allem der Mobilisierung und propagandistischen Vereinheitlichung (sog. Burgfrieden), während tatsächliche Einflussmöglichkeiten schwanden. Spätestens ab 1916 wurde er durch die Oberste Heeresleitung unter Generalfeldmarschall Paul (von Beneckendorff und) von Hindenburg (1847–1934) und Generalquartiermeister Erich Ludendorff (1865–1937) weitgehend marginalisiert; das Regierungssystem nahm Züge einer Militärdiktatur an. Zentrale Entscheidungen wie die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot- Krieges, dessen erklärter Gegner er eigentlich war, traf er im Sinne der Militärs, mit weitreichenden Folgen wie dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika am 6. April 1917.

Wilhelms expansive und teils unrealistische Kriegsziele – umfassende Annexionen, Satellitenstaaten in Osteuropa sowie große koloniale Zugewinne – blieben politisch weitgehend folgenlos, da seine tatsächliche Steuerungsfähigkeit begrenzt war. Insgesamt kennzeichnet die Kriegsphase einen fortschreitenden Machtverlust des Kaisers bei gleichzeitiger Radikalisierung der Zielvorstellungen und struktureller Dominanz militärischer Entscheidungsinstanzen.

Nach dem militärischen Zusammenbruch 1918 leitete die Oberste Heeresleitung den Übergang zu Waffenstillstandsverhandlungen und zur Parlamentarisierung ein. Unter dem Einfluss des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson (1856–1924) wurde die Abdankung Wilhelm II. zur zentralen Voraussetzung eines Friedensschlusses. Zugleich radikalisierte sich die innenpolitische Lage: Revolutionäre Unruhen, der Kieler Matrosenaufstand und der Druck der Mehrheitsparteien machten den Fortbestand der Monarchie unmöglich.

Der Kaiser verlor in dieser Situation faktisch jede Handlungsfähigkeit. Militärische Optionen – etwa ein Vorgehen gegen die Revolution – scheiterten an der fehlenden Loyalität der Truppen, während alternative Szenarien politisch unrealistisch blieben. Am 9. November 1918 wurde seine Abdankung eigenmächtig durch den Reichskanzler Prinz Max von Baden, dem letzten badischen Thronfolger (1867–1929, Reichskanzler 1918) verkündet, parallel zur Ausrufung der Republik. Wilhelm wich daraufhin am 10. November 1918 ins niederländische Exil aus.

Die formelle Abdankung erfolgte am 28. November 1918 auf Schloss Amerongen in der Nähe von Utrecht und besiegelte das Ende der Monarchie. Insgesamt markiert diese Phase den vollständigen Zusammenbruch der kaiserlichen Herrschaft, bedingt durch militärische Niederlage, politische Delegitimierung und revolutionären Druck.

Die Niederlande verweigerten 1920 die geforderte Auslieferung Wilhelms II. an die Alliierten. Ab 1920 bewohnte er das von ihm erworbene Haus Doorn bei Utrecht, wo er de facto als Internierter behandelt wurde. Hier radikalisierte sich sein Denken, insbesondere durch antisemitische und verschwörungsideologische Deutungen seines Sturzes. Während des Zweiten Weltkriegs verhielt er sich passiv und reagierte opportunistisch auf deutsche Erfolge. Aber insgesamt war seine Exilzeit von politischer Irrelevanz, ideologischer Verhärtung und illusionären Restaurationsansprüchen geprägt. Mit der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 wurde das Areal Haus Doorn von der Geheimen Feldpolizei abgeriegelt, Wilhelm II. verblieb dort weiterhin als Internierter, jetzt der Deutschen. 

Am 4. Juni 1941 starb Wilhelm II. im Alter von 82 Jahren um 12:30 Uhr im Haus Doorn an einer Lungenembolie. Er wurde im kleinsten Kreis (Familie und einige ehemalige Offiziere) zunächst in einer Kapelle nahe des Doorner Torhauses beigesetzt und später in das nach seinen Plänen errichtete Mausoleum im Park von Haus Doorn überführt, wo er heute noch ruht. 

Wilhelm II. wuchs unter emotional belastenden Bedingungen und mit einer körperlichen Behinderung auf, was vermutlich Unsicherheit, Kränkbarkeit und kompensatorische Selbstinszenierung förderte; psychiatrische Diagnosen bleiben umstritten. Seine Persönlichkeit war von Impulsivität, Geltungsbedürfnis und begrenzter Empathie geprägt. Er griff häufig direkt in die Politik ein, bevorzugte militärische Milieus und zeigte geringe personelle Konstanz. Öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung machte ihn zu einem Medienmonarchen, führte jedoch auch zu politischen Fehltritten. Insgesamt kennzeichnen Inszenierungsdrang und mangelnde Urteilskonsistenz sein Handeln.

Literatur:

  • Clark, Christopher: Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers. Aus dem Englischen. von Norbert Juraschitz und Thomas Pfeiffer. München 2008.
  • König, Wolfgang: Wilhelm II. und die Moderne. Der Kaiser und die technisch-industrielle Welt. Paderborn u. a. 2007.
  •  Krockow, Christian Graf von: Kaiser Wilhelm II. und seine Zeit. Berlin 1999.
  • Röhl, John C. G.: Wilhelm II. Band 1: Die Jugend des Kaisers, 1859–1888. 2. Auflage München 2001. Band 2: Der Aufbau der Persönlichen Monarchie, 1888–1900. München 2001. Band 3: Der Weg in den Abgrund, 1900–1941. München 2008.
  • Röhl, John C. G.: Wilhelm II. München 2013. 
  • Schönberger, Paul und Schimmel, Stefan: Kaisertage – Die unveröffentlichten Aufzeichnungen (1914 bis 1918) der Kammerdiener und Adjutanten Wilhelms II. Konstanz 2018.
  • Verschiedene Seiten von de.wikipedia, en.wikipedia und fr.wikipedia.

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