Es war im Dezember 1985 anlässlich der New York International
Numismatic Convention, als ich Mark Salton persönlich
kennengelernt habe. Wir kamen schnell ins Gespräch, und aus
diesem ersten Kontakt entwickelte sich eine Freundschaft,
genau wie zu seiner Frau Lottie, die aus dem westfälischen
Wünnenberg in der Nähe von Paderborn stammte. Lottie und
Mark hatten sich im Jahre 1946 in New York kennen gelernt
und 1948 geheiratet.
Mark M. Salton-Schlessinger, wie er sich noch in den 1950er
Jahren selber nannte, wurde am 12. Januar 1914 als ältester
Sohn von Felix Schlessinger (geboren am 18.2.1879) und
seiner
Frau Hedwig, geb. Feuchtwanger (geboren am 22.9.1891, beide
ermordet am 25.10.1944 in Auschwitz)
in Frankfurt am Main
geboren. Der Sohn erhielt wie sein Großvater den Namen
Max, er war der Sproß einer alten jüdischen Familie, die im
Bankgeschäft tätig war. Die Schlessingers waren mit der Familie
Hamburger eng verwandt, und als Leo Hamburger der Jüngere
(1846-1929) im Jahre 1904 seinen einzigen Sohn Siegmund
durch Freitod verlor, gewann er seinen Neffen Felix Schlessinger
wenig später als potentiellen Nachfolger für die weltbekannte
Münzhandlung Leo Hamburger in Frankfurt.
Als Felix Schlessinger 1911 Hedwig Feuchtwanger heiratete, machte sein Onkel Leo Hamburger ihn zum Sozius der Firma. Max Schlessinger (später Mark Salton) war erst wenige Monate alt, als Ende Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. Felix Schlessinger musste am Krieg vom ersten bis zum letzten Tag als Soldat teilnehmen, er war an der Westfront in der Hölle von Verdun eingesetzt, ausgezeichnet wurde er mit dem Eisernen Kreuz. Er erlitt schwere Verwundungen und überlebte nur wie durch ein Wunder.
Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte Felix Schlessinger nach Frankfurt/Main zurück, um wieder in der Firma seines Onkels Leo Hamburger zu arbeiten. Infolge der großen Inflation von 1923 begann der Niedergang der Firma, und Felix Schlessinger wagte im Jahre 1928 einen Neuanfang in Berlin. Max Schlessinger war inzwischen 14 Jahre alt und sein kleiner Bruder Paul (geb. am 11.1.1918) 10 Jahre alt. Max besuchte das Werner-Siemens- Realgymnasium, während sein Vater Felix erfolgreich in Berlin- Charlottenburg in der Bismarckstraße 97/98 arbeitete.
Von 1929 bis 1935 führte der begabte Numismatiker Felix Schlessinger 12 Auktionen in Berlin durch (siehe Künker, Auktion 357, S. 423 ff). Die jüdische Bevölkerung in Deutschland erlitt seit 1933 zunehmend Repressalien, so dass die Familie Schlessinger 1936 in die Niederlande auswanderte, um weiter im Münzhandel arbeiten zu können.
In Amsterdam in der Prinsengracht 101 begann der Neuanfang, es wurden sogar zwei Auktionen abgehalten. Die Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht im Mai 1940 verschlechterte die Lage der Schlessingers dramatisch, Lager und Bibliothek wurden beschlagnahmt. Felix Schlessinger und seine Frau Hedwig waren zwei Jahre lang in den Konzentrationslagern Westerbork und Theresienstadt, bevor sie am 23.10.1944 mit dem letzten Zug von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und am 25.10.1944 ermordet wurden. Die Söhne Max und Paul konnten vor den Nazis fliehen. Paul flüchtete nach Israel, Max Schlessinger begann nach langer Odyssee als Flüchtling durch Europa unter dem Namen Mark Salton 1946 in New York ein neues Leben. Er startete seine Karriere als Banker in der Manufacturers Hanover Trust Company, seiner Zeit eine der größten Banken New Yorks.
Mark Salton absolvierte ein Abendstudium an der New York University, das er mit dem Master in International Banking abschloss. In seiner Bank wurde er schon bald Mitglied der Geschäftsleitung.
Die Leidenschaft für die Numismatik hat Mark Salton sein Leben lang angetrieben. Die Bibliothek seines Vaters, die in Amsterdam unrechtmäßig beschlagnahmt worden war, hat er größtenteils von Antiquaren zurückgekauft.
Er hat mir immer wieder stolz erzählt, dass er es sich mit seinem Gehalt als Bankdirektor leisten konnte, große Münzbestände in den 1950er und 1960er Jahren, in den USA und Europa, vor allem aber in seiner neuen Heimat New York einzukaufen. Mark Salton hat dabei eine doppelte Strategie verfolgt: einerseits wollte er für sich und seine Frau eine eigene Sammlung anlegen, die er genau inventarisiert und mit Nummern versehen hat. Andererseits gab es auch viele Stücke, die er weiterverkaufen wollte, weil sie nicht seinen hohen Ansprüchen genügten.
Beeindruckend sind auch die mit Schreibmaschine verfassten kleinen Zettel, die er zahlreichen Münzen beigelegt hat. Die heute so sehr in den Vordergrund gestellten Provenienzen haben für Mark Salton kaum eine Rolle gespielt. Und wenn es auf seinen Zetteln Hinweise auf Vorkommnisse gibt, so sind es meistens gleiche Stücke, auf die er verweist, aber nicht dieselben.
Der Lagerverkauf spielte für den Münzhandel in früheren Zeiten eine viel größere Rolle als die Auktionen. Das hat mir Jacques Schulman noch Mitte der 1970er Jahre berichtet. Mark Salton hat alle Stücke, die er nicht in seine Sammlung integriert hat, als Händler verkauft oder in Auktionen eingeliefert.
Als wir uns in den späten 1980er Jahren angefreundet hatten, hat Mark auch regelmäßig Münzen nach Osnabrück für die Künker-Auktionen eingeliefert. Meistens gab es eine besonders interessante Münze und eine kleine Anzahl von weniger interessanten Stücken dazu. Als ich ihn einmal anrief und ihm zu erklären versuchte, dass ich für die Auktionen nur an den besonderen Stücken interessiert sei, sagte er mir in seiner humorvollen Art: „Herr Künker, Sie können nicht nur Schnitzel essen, es gehören auch die Kartoffeln dazu.“
Mark Salton hat sich oft wehmütig an Deutschland erinnert, er hat vor allem bedauert, dass er, so drückte er es aus, seinen guten deutschen Namen Max Schlessinger in den USA abgelegt und den Namen Mark Salton angenommen hatte.
Osnabrück, im Januar 2022
Fritz Rudolf Künker
Die überaus freundschaftlichen Beziehungen zum Hause Künker haben Mark und Lottie Salton dazu bewegt, auch Fritz Rudolf Künker an der Auflösung ihres großartigen Lebenswerkes zu beteiligen. Dr. Ursula Kampmann hat die Geschichte der Familien Hamburger und Schlessinger in einer Publikation aufgearbeitet, die im Numismatischen Verlag Fritz Rudolf Künker veröffentlicht wird. Wir danken Ursula Kampmann für diese besondere Arbeit und allen, die daran mitgewirkt haben. Stellvertretend für alle anderen danken wir besonders unserer Mitarbeiterin Frau Alexandra Elflein-Schwier, die sich nach dem Tod von Mark Salton am 31.12.2005 rührend um seine Frau Lottie gekümmert hat und auch dafür gesorgt hat, die Erinnerung an Lotties Familie Aronstein wach zu halten.
Am Ende der Arbeit von Ursula Kampmann haben wir in einem Post Scriptum festgehalten, was uns wichtig ist:
Für das Haus Künker ist es eine große Ehre, dass Lottie und Mark Salton testamentarisch verfügt haben, dass ihre bedeutende numismatische Sammlung durch das amerikanische Auktionshaus Stack’s Bowers Galleries und durch Künker gemeinsam in New York und Osnabrück versteigert wird.
Wir verneigen uns vor der Lebensleistung unserer Freunde, die alles verloren hatten, und sind in Demut dankbar für das in uns gesetzte Vertrauen. Möge die Versteigerung der Sammlung von Lottie und Mark Salton ein weiteres Zeichen der Versöhnung setzen.
Fritz Rudolf Künker, Dr. Andreas Kaiser und Ulrich Künker
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Meine erste Begegnung mit Lottie Salton fand Anfang der zweitausender Jahre in New York statt. Zum Messestand kam eine zierliche, zurückhaltende ältere Dame mit wachen Augen, die mich mit leiser Stimme auf Deutsch ansprach. Sie erkundigte sich höflich nach der aktuellen Marktlage, schaute sich die Münzen in der Vitrine aufmerksam an und erzählte mir, dass sie mit ihrem geliebten Mann Mark, geborener Max Mordechai Schlessinger, bis zu seinem Tod 2005 eine Sammlung von Münzen und Medaillen zusammengetragen hatte. Wir blieben in Kontakt und in den folgenden Jahren erfuhr ich von ihrem Leben mit der Numismatik, aber auch von dem Terror und Leid, dem sie ausgesetzt war. Ein Großteil ihrer eigenen und Marks Familie wurde von deutschen Nationalsozialisten systematisch entrechtet, verfolgt und ermordet. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass ich das Glück habe, später geboren zu sein.
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