Sammlerportraits
Über Münzen zu den Menschen – meine Erinnerungen an Lottie Salton
Meine erste Begegnung mit Lottie Salton fand Anfang der zweitausender Jahre in New York statt. Zum Messestand kam eine zierliche, zurückhaltende ältere Dame mit wachen Augen, die mich mit leiser Stimme auf Deutsch ansprach. Sie erkundigte sich höflich nach der aktuellen Marktlage, schaute sich die Münzen in der Vitrine aufmerksam an und erzählte mir, dass sie mit ihrem geliebten Mann Mark, geborener Max Mordechai Schlessinger, bis zu seinem Tod 2005 eine Sammlung von Münzen und Medaillen zusammengetragen hatte. Wir blieben in Kontakt und in den folgenden Jahren erfuhr ich von ihrem Leben mit der Numismatik, aber auch von dem Terror und Leid, dem sie ausgesetzt war. Ein Großteil ihrer eigenen und Marks Familie wurde von deutschen Nationalsozialisten systematisch entrechtet, verfolgt und ermordet. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass ich das Glück habe, später geboren zu sein. 
Lottie besaß bis zu ihrem Tod im April 2020 noch Grundstücke in Bad Wünnenberg. Ihr Heimatort liegt nicht weit von Osnabrück entfernt, und so fuhr ich dorthin, um für sie Fotos zu machen: Von ihrem Elternhaus, vom Ort ihrer Kindheit, von den Grabsteinen ihrer Großeltern Henriette und Levi Aronstein. Lotties Großeltern waren in Wünnenberg zu Lebzeiten für ihre Mildtätigkeit bekannt und geschätzt. Zu ihren neun Kindern hatten beide noch zwei Waisenkinder aufgenommen. Lotties Eltern, dem Pferdehändler Paul Aronstein und seiner Frau Adele, war es nach dem Krieg gelungen, zumindest die eigenen Weidegrundstücke zurückzuerhalten. In New York lebten sie unter anderem von der bescheidenen Pacht, die diese einbrachten. Lottie hätte alles gerne noch einmal gesehen. Sie verwies mich in Bad Wünnenberg an Gertrud Tölle, die das beeindruckende Buch „Wir waren Nachbarn“ geschrieben hat. Es arbeitet auch das Leben und Schicksal der einzigen und letzten jüdischen Wünnenberger Familie Aronstein auf. Nur wenige Angehörige von Lottie Salton überlebten den nationalsozialistischen Terror. Auf der Rückseite eines der Familienfotos, hat Lottie in Schreibmaschinenschrift die Namen der abgebildeten Menschen und dahinter ihr jeweiliges Schicksal notiert. Hinter den meisten Namen steht ein erschreckendes „murdered” (ermordet).

Die Welt der 13-jährigen Lottie bricht schon früh auseinander: Der Großvater Salomon Pollack aus dem nahegelegenen Rüthen flüchtet 1937 nach Demütigung und Entrechtung in den Freitod. Die Familie bricht auseinander. Ihr Onkel Adolf Pollak und ihre Tante Henriette emigrieren 1938 aufgrund antijüdischer Schikanen in die USA. In der Wünnenberger Schule wird Lottie Aronstein zunehmend von ihrem Lehrer gedemütigt. Lotties Vater Paul, nach einem Kopfschuss Überlebender des Ersten Weltkrieges, wird 1938 von der Nazi-Behörde schriftlich mitgeteilt, dass er als Jude nicht mehr berechtigt sei, diese ihm für seine Tapferkeit in den Kämpfen bei Verdun verliehene Auszeichnung zu besitzen, und dass er binnen 24 Stunden das Eiserne Kreuz an den Ortsgruppenführer abzuliefern habe. Der Name ihres im Ersten Weltkrieg gefallenen Onkels Eduard, ebenfalls Träger des Eisernen Kreuzes, wird öffentlich von den Nationalsozialisten aus dem Kriegerdenkmal nahe ihrer Schule entfernt.

Kurz vor Lotties vierzehntem Geburtstag am 10. November 1938 wird ihr Vater von der Gestapo verhaftet und im versiegelten Viehwagen in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Mutter und Kinder bleiben schutzlos zurück, schon am nächsten Tag rückt ein Schlägertrupp aus Fürstenberg an, der das Hab und Gut der Familie Aronstein vor den Augen der Dorfbewohner öffentlich verwüstet. Adele Aronstein findet mit ihren Kindern Lottie und Erich bei den Nachbarn weder ein offenes Ohr noch eine Zuflucht. Mittellos fliehen sie zu Verwandten nach Bremen. Mutter und Kinder trennen sich zwei Monate später, und für die beiden minderjährigen Kinder beginnt eine demütigende, angstvolle Zeit der Flucht und Verfolgung quer durch Europa, in der sie leider nur auf wenige gute Menschen treffen. Nach der Internierung in verschiedenen Lagern von Belgien bis Südfrankreich erhalten die Kinder im Lager Gurs über das Rote Kreuz eine Postkarte ihres Vaters. Es gelingt beiden unter Einsatz ihres Lebens zum Vater Paul ins Lager St. Cyprien zu gelangen. Mit Hilfe der Verwandten aus den USA heuern die drei im April 1940 auf der „Monte Viso“ an. Sie wähnen sich in Sicherheit, aber das Schiff wird vor Casablanca gestoppt und sie werden in das Lager Casbah Tadla in die Sahara verschleppt. Erneut ertragen sie bitteren Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Krankheit, Demütigung, Entrechtung, Mittellosigkeit und Todesangst. Nach Monaten können sie entkommen und erhalten mit fremder Hilfe eine neue Passage auf einem spanischen Schiff. Am 14. August 1941, nach 2 Jahren und 8 Monaten Odyssee, … setzen sie erstmals Fuß auf amerikanischen Boden. Die Freiheitsund Glücksgefühle zu beschreiben, die wir in diesem Moment empfanden, ist unmöglich. In ihrem Brief an eine Wünnenberger Schulklasse schreibt Lottie 1994: Ich … habe versucht, in groben Umrissen unser Schicksal während der dunklen Jahre 1933 bis 1942 zu Papier zu bringen. Trotzdem dies Alles nun schon lange zurück liegt, zu einer Zeit vor Eurer Geburt, ist die Erinnerung an die Schrecken der Verfolgung immer noch schwer zu überwinden. Wir können nur hoffen, dass der Herr uns allen solch harte Prüfung ersparen möge und uns, so unvollkommen wir Menschen auch sind, Frieden und Rechtschaffenheit erhalte. Und vor allem, dass Er uns nicht vergessen lasse, dass Er uns in Seinem Ebenbild schuf (Genesis, Kapitel 1, Vers 27).

Zwischen Lottie Salton und mir entstand über die Jahre eine persönliche, freundschaftliche Verbindung. Münzen scheinen Menschen manchmal auf eine besondere Art zusammenbringen zu können. So schreibt auch Lotties Ehemann, Mark in seinen Memoiren, dass während seiner Berliner Zeit (1928-1936) viele Münzsammler zu Freunden der Familie wurden und im Hause Schlessinger ein und aus gingen. Einige dieser wichtigen Kontakte halfen der Familie 1936 bei der Emigration in die Niederlande, beim Neuanfang in Amsterdam und unterstützten die beiden Kinder Max und Paul bei ihrer Flucht 1940. Viele dieser Freunde und Weggefährten wurden später selbst Opfer der Nationalsozialisten.

Mark Salton (Max M. Schlessinger) beschreibt in seinen Erinnerungen auch das lebendige Umfeld, in dem er aufwächst und in dem die Numismatik für die Familie Drehund Angelpunkt, sowie Lebensgrundlage ist. Sein Vater Felix ist erfolgreich im Münzhandel, er hat das numismatische Wissen, die nötigen Kontakte und ein Verhandlungsgeschick, das selbst die schwierigsten Verhandlungen zu einem guten Abschluss bringt. Mark erinnert sich hier besonders an die zermürbenden Verhandlungen seines Vaters in der Sowjetischen Botschaft in Berlin zu der Auktion 13, Sammlung Griechischer Münzen aus Museumsbesitz (Eremitage, Leningrad) mit 1655 Nummern, die 1935 stattfand. Marks Mutter, Hedwig Schlessinger (geborene Feuchtwanger) spricht fließend Englisch, Französisch und Italienisch. Sie führt den Großteil der aufwändigen handschriftlichen Firmenkorrespondenz. Es verwundert nicht, dass Mark unbedingt selbst Numismatiker werden will: Obwohl ich schon in jungen Jahren entschieden hatte, Vaters numismatischen Fussstapfen zu folgen, waren meine Eltern der Meinung, es sollte dem eine formelle Ausbildung vorausgehen, die nicht mit der Numismatik verbunden war. Damals realisierte ich nicht, wie vorausschauend ihre Weisheit sein sollte.

Ein Blick auf die Sammlung zeigt, dass der Banker Mark Salton zugleich ein Leben lang Numismatiker geblieben ist. Von nun an dürfen sich andere an dem Lebenswerk erfreuen und mit einem Kauf aus der Sammlung das Anliegen unterstützen, das Mark und Lottie Salton so sehr am Herzen lag: Niemals die Menschlichkeit aus den Augen zu verlieren.

Mark und Lottie führten in New York ein bescheidenes, sehr zurückgezogenes Leben, nur wenige Menschen haben ihr Vertrauen gewinnen können. All jene, die ihnen treue Weggefährten waren, haben sie nicht vergessen. Ihre Schenkungen gehen zudem an wohltätige, humanitäre Einrichtungen. Sie, die so viel Unmenschlichkeit in ihrem Leben erfahren haben, beweisen mit ihrem Lebenswerk nicht nur numismatische, sondern auch menschliche Größe.

Beide sammelten Medaillen nicht nur, weil der Markt sie, wie Mark in seinen Erinnerungen schreibt, viele Jahre vergessen hatte, sondern auch wegen der humanistischen Botschaften. Mark und Lottie selbst senden nun mit ihrem Vermächtnis eine der größtmöglichen humanistischen Botschaften in die Welt.

Lange waren Sammlung und Lebenswerk verborgen und es ist schön, dass sie jetzt beide an das Licht der Öffentlichkeit gelangen. 

Bei den kursiv gesetzten Textpassagen handelt es sich um originale bzw. übersetzte Zitate aus den Lebenserinnerungen von Lottie und Mark Salton. Es lohnt sich Mark und Lottie selbst sprechen zu lassen und ihre Erinnerungen im Original zu lesen. 

Osnabrück, im Januar 2022
Alexandra Elflein-Schwier


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In memoriam Mark und Lottie Salton, New York

Es war im Dezember 1985 anlässlich der New York International Numismatic Convention, als ich Mark Salton persönlich kennengelernt habe. Wir kamen schnell ins Gespräch, und aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich eine Freundschaft, genau wie zu seiner Frau Lottie, die aus dem westfälischen Wünnenberg in der Nähe von Paderborn stammte. Lottie und Mark hatten sich im Jahre 1946 in New York kennen gelernt und 1948 geheiratet.


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